. Klotilde, die sehr beobachtete, misstrauete den Lippen
und dem Herzen Sebastians.
    Der Hofjunker hielt ihn für seinesgleichen und für verliebt in Klotilde; und
das aus dem Grunde, »weil der lustigere oder ernstere Ton, worin ein Mann in
einer Gesellschaft verfalle, ein Zeichen sei, dass ein weiblicher Zitteraal darin
in seinen Busen eingeschlagen«. Ich muss es gestehen, Viktors überwallende Seele
ließ ihn nie jenen Ausdruck der Achtung für Weiber treffen, der sich nicht in
unzeitige Zärtlichkeit verirrt, und den er oft gebildeten Weltleuten beneidete;
seine Achtung sah leider allemal wie eine Lieberklärung aus. - Die Kammerherrin
hielt ihn für so falsch wie ihren Cicisbeo; Leute wie sie begreifen kein anderes
Wohlwollen als höfliches oder einfädelndes.
    Man behielt unsern Helden den ganzen Tag und den halben Abend drüben.
    Den ganzen Tag war er nicht imstande - obgleich die unsichtbaren Augen
seines innern Menschen voll Tränen standen über Klotildens edle Gestalt, über
ihre verborgne Trauer um die kalte hinabgesenkte Freundin, über ihre rührende
Stimme, wenn sie bloß mit Agaten sprach - gleichwohl war er nicht imstande, nur
ein ernsthaftes Wort zu sagen: gegen Fremde zwang ihn seine Natur allemal im
Anfang einige satirische und andere Hasensprünge zu machen. Aber abends, da man
im feierlichen Garten war, da sein gewöhnlicher Schauer vor der Leerheit des
Lebens durch die Lustigkeit heftiger wurde - das wurde jener dadurch allezeit;
hingegen durch ernsthafte, traurige, leidenschaftliche Gespräche nahm er ab -
und da Klotilde ihm bloß eine sehr kalte, gleichsam von seinem Vater auf ihn
angewiesene Höflichkeit gewährte und den Unterschied zwischen ihm und dem
Matthieu, der keine zweite Welt und keinen dafür organisierten innern Menschen
annahm, nicht in seiner ganzen Größe erriet: so wurd' ihm beklommen ums sehnende
Herz, zu viele Tränen schienen seine ganze Brust anzufüllen und durchzudrücken,
und sooft er zu dem großen tiefen Himmel aufblickte, sagte etwas in seiner
Seele: schier dich gar nichts um den feinen Cercle und rede heraus!
    Aber es gab für ihn nur eine Seele, an der jene Erhöhtritte wie an
Pedalharfen geschaffen waren, die jedem Gedanken einen höheren Sphärenton
erteilen, dem Leben einen heiligen Wert und dem Herzen ein Echo aus Eden; diese
Seele war nicht sein sonst so geliebter Flamin, sondern sein Lehrer Dahore in
England, den er ach schon lange aus seinen Augen, aber nie aus seinen Träumen
verloren. Der Schatten dieses großen Menschen stand, gleichsam an die Nacht
geworfen, flatternd und aufgerichtet vor ihm und sagte: »Lieber, ich sehe dein
inneres Weinen, dein frommes Sehnen, dein ödes Herz und deine ausgebreiteten
bebenden Arme; aber alles ist umsonst: du findest mich nicht und ich dich
nicht.« Er schaute an die Sterne, deren erhebende Kenntnis sein Lehrer
