 4 Uhr ein fächelnder
Abendwind auf, der alle hängende Flügel und Häupter erfrischte. Emanuel ließ
diese kühlen Wogen herein, die einwiegend und beruhigend über die gebückten
Blumen am Fenster liefen und an den schwankenden Falten der Vorhänge
niederflossen und verirrt durch das duftende Laubwerk des Zimmers plätscherten.
Da kam eine unendliche Stille, eine auflösende Wonne, ein unaussprechliches
Sehnen in Emanuels Herz. Seine Kindheitfreuden - die Züge seiner Mutter - die
Bilder indischer Gefilde - - alle geliebte verstäubte Gestalten - der ganze
gleitende Widerschein des Jugendmorgens floss vor ihm glimmend vorüber - eine
wehmütige Sehnsucht nach seinem Vaterland, nach seinen gestorbnen Menschen
dehnte seinen Busen mit süßen Beklemmungen aus. Dieses immergrüne Palmenlaub der
Jugenderinnerung legte er als kühlendes Kraut um seine und Horions Stirne, und
den ganzen ersten Kreis seines Daseins trug er aus dem indischen Eden in dieses
enge Gehäuse vor seine zwei letzten Geliebten herüber. Aber da er so die Asche
der Freuden - Phönixe auf dem Altar der Abendsonne aufhäufte - da er so am
Ausgange über alle hintereinander liegende elysische Felder seines Lebens
hinübersah - da vor ihm die ganze Erde und das Leben, mit Morgentau und
Morgenrot überzogen, sich in den dämmernden Spielplatz des Menschen
verwandelten: so war er seiner Rührung und seines zerschmolznen Herzens nicht
mehr mächtig, sondern im seligen Zittern, im bebenden Dank gegen den Ewigen bat
er den Blinden, die Flöte zu nehmen und ihm das Lied der Entzückung, das er sich
allemal am Morgen des neuen Jahrs und seines Geburttages spielen ließ, als Echo
des austönenden Lebens nachzusenden.
    Julius nahm die Flöte. Horion ging hinaus unter einen laut rauschenden Baum
und sah in die tiefere Abendsonne. Emanuel stellte sich am wehenden Fenster dem
Purpurstrom des Abendlichtes entgegen, und das Lied der Entzückung fing an und
floss in Strömen in sein Herz und um die eingesunkne Sonne.
    Und da die Sphären-Laute von der Sonne auszuwallen schienen, die in der
Abendröte wie ein Schwan, in Melodien aufgelöset, in Goldrauch und in Freudentau
vor Gott aus Entzücken starb und da vor Emanuel alle Blumen, womit die ewige
Güte unser Herz bedeckt, und alle Wonnegefilde, durch die ihre sanfte Hand den
ungewissen Menschen führt, wie Engel vorüberflogen - und da er die künftigen
Himmel näherrücken sah, in die der Weg des Lebens geht - und da er sah diese
unendlichen Arme alle wunde Herzen decken, über alle Jahrtausende reichen, alle
Welten tragen und ihn, ihn kleinen Erdensohn doch auch: o da konnte er unmöglich
das volle Herz mehr halten, es brach ihm vor Dank, und aus seinen Augen fielen
wieder die ersten - Tränen nach langen langen Jahren. Diese heilige Tropfen
verwischte er nicht; in ihnen zerlief die Abendröte in ein loderndes Meer; die
Flöte verhallete; Viktor fand die schimmernden Augen
