 sein Sterben drohet, greift schmerzhaft
unsere Seele an, auch wenn wir es bezweifeln. Wir können uns alle das nasse Auge
denken, das Viktor über die noch blühende Stätte seines verwelkten Rosenfests
geworfen. - Was ihn tröstet, ist die Unwahrscheinlichkeit des prophezeiten
Sterbens, da Emanuel sich wie sonst befindet, und da der Selbermord noch
unmöglicher bei diesem frommen Geiste ist, der den Selbermörder schon längst mit
dem Hummer verglich, der die eine Schere, die er selber mit der andern aus
Stumpfsinn zerknirscht und kneipt, nicht herauszieht, sondern absprengt. - Möge
mir der Leser zur Beschreibung des längsten Tages108, die ich einsam unter der
erhebenden Stille der Nacht machen werde, ein Herz wie des Indiers mitbringen,
das gleich alten Tempeln stumm und dunkel, aber weit und voll heiliger Bilder
ist!
 
                                38. Hundposttag
  Die erhabene Vormitternacht - die selige Nachmitternacht - der sanfte Abend
Heute übergeb' ich Emanuels längsten Tag, der nun erloschen und abgekühlt unter
den Tagen der Ewigkeit liegt, mit bleichen Abrissen den Phantasien der Menschen.
Meine Hand zittert und mein Auge brennt vor den Szenen, die in Leichenschleiern
um mich treten und so nahe an mir die Schleier aufheben. - - Ich schließe mich
diese Nacht ein - ich höre nichts als meine Gedanken - ich sehe nichts als die
Nachtsonnen, die über den Himmel ziehen - ich vergesse die Schwächen und die
Flecken meines Herzens, damit ich den Mut erhalte, mich zu erheben, als wär' ich
gut, als wohnt' ich auf der Höhe, wo um den großen Menschen wie Sternbilder
nichts als Gott, Ewigkeit und Tugend liegen. Aber ich sage zu denen, die besser
sind - zum stillen großen Herzen, das seine Pflichten vermehrt, indem es sie
erfüllt, und das sich beim Wachstum seines Gewissens täglich bloß mit größeren
Verdiensten befriedigt - zu den hohen Menschen, welche die Hand des Todes warm
gedrückt haben, die ihn, wenn er auf Morgenauen herumgeht, friedlich fragen
können: »Suchest du mich heute?«- zur lechzenden Seele, die sich unter dem
Zypressenbaum kühlet - zu den Menschen mit Tränen, mit Träumen, mit Flügeln, zu
allen diesen sag' ich: »Verwandte meines Emanuels, euer Bruder streckt nach euch
seine Hand durch die kürzeste Nacht aus, ergreifet sie, er will von euch
Abschied nehmen!«
                          Die erhabene Vormitternacht
Viktor stand aus seinen Träumen, in denen er nichts als Gräber und Trauergerüste
für seinen Freund gesehen hatte, wehmütig auf; aber er fasste beim Morgengruß
geheime Hoffnungen, da er ihn ohne Fieber, ohne Beklemmungen, ohne Änderungen in
seinen angeblichen Todesmorgen treten sah. Ihm war bloß vor dem Eindruck bange,
den die getäuschte Hoffnung des Scheidens auf das schon halb aus dem irdischen
