 zu verzeihen hatte.
    Nach der Erzählung sagte sie ihrem Freunde, sie unternehme vielleicht, falls
die Unsichtbarkeit und das Schweigen des Lords noch länger dauere, lieber die
mühsame Reise zu ihrer und Flamins Mutter nach London, um diese als die
Auflösung aller dieser gefährlichen Rätsel nach Deutschland zu bereden. - Ach
konnte Viktors aufopferndes Herz eine Einwendung gegen fremde Aufopferungen
machen? - Nein! sein Kummer wurde verdoppelt, aber auch seine Achtung und Liebe.
    In dieser Lage kam an Klotilde ein kleiner Brief von Emanuel:
    »Gestern abends kam mein Julius mit einem Korb voll Gartenerde zu mir und
bat mich um Blumentöpfe und um Hyazinten, weil er für beide die Erde bringe. Er
hatte den Boden für seine Blumen von dem Hügel deiner Giulia geholt. - - Ich
nahm sein weiß- und rotblühendes Angesicht, das der Federnelke mit dem roten
Punkte gleicht, an meine Brust und sagte: Ach, wer wartet die Blumen des
Menschen, wenn er vorüber ist? Und ich meinte auch ihn mit seiner zarten Blüte,
in welche der Schmerz nie seinen schweren Regen werfe! - O Viktor und Klotilde,
wenn mich die Lilien der Erde betäuben und in den letzten Schlummer legen, so
nehmt meinen blinden Julius auf, und diese Seele voll Liebe werde durch
liebende Seelen behütet!
    Klotilde! ich bitte oder wünsche jetzo von dir etwas, was du mir wohl
schwerlich geben kannst. Ach komme am längsten Tage nach Maiental, du schöne
Seele! Kann es dein Herz nicht ertragen? Hast du nicht deine Giulia bis an das
blinde Tor des Grabes begleitet und da ihre Seele auffliegen sehen und ihren
Körper niederfallen! O wenn du und dein Freund in der letzten Stunde, wo das
Leben seine schillernden Pfauenspiegel zusammenfaltet und sie farbenlos und
schwer in das Grab einsenkt, bei mir blieben als die zwei ersten Engel der
künftigen Welt! - Denn in der Minute, wo die ganze Erde wie eine Rinde vom
Herzen abbricht, hängt das nackte Herz fester an Herzen und will sich erwärmen
gegen den Tod, und wenn alle Bande der Erde abreißen, so blühen die Blumenketten
der Liebe fort. O Klotilde! wie himmlisch schlösse sich vor deiner elysischen
Gestalt mein Leben! Ich würde schon entfesselt auf den Flügeln der Ewigkeit um
dich schweben, um dich anzublicken, und ich würde, wenn ich mit der äterischen
Hand nicht deine Tränen nehmen könnte, dein schweres Herz mit einer fremden
Entzückung trösten! Ja, und wenn der Mensch im Vorhof der zweiten Welt
erblindete, so würde deine Gestalt wie ein nachleuchtendes Sonnenbild vor meinen
geschlossenen Augen bleiben! - O Klotilde, wenn du kämest! Ach, du kommst wohl
nicht; und nur der Ewige, der die Stunden des zweiten Lebens zählet, weiß, wenn
