 und das ich mit
unaussprechlicher Rührung gebe:
Das Grab ist tief und stille
Und schauderhaft sein Rand;
Es deckt mit schwarzer Hülle
Ein unbekanntes Land.
Das Lied der Nachtigallen
Tönt nicht in seinen Schoss;
Der Freundschaft Rosen fallen
Nur auf des Hügels Moos.
Verlassne Bräute ringen
Umsonst die Hände wund;
Der Waisen Klagen dringen
Nicht in der Tiefe Grund.
Doch sonst an keinem Orte
Wohnt die ersehnte Ruh' ;
Nur durch die dunkle Pforte
Geht man der Heimat zu.
O Salis! in diesem Doch sind alle unsere verwehten Seufzer, alle unsere
vertrockneten Tränen und heben das steigende Herz aus seinen Wurzeln und Adern,
und es will sterben!
    Die Stimme der edelen Sängerin unterlag der Wehmut, aber sie sang doch die
letzte der Strophen dieses Sphären-Liedes, obwohl leiser in der schmerzhaften
Überwältigung:
Das arme Herz, hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur, wo es nicht mehr schlägt.
Ihre Stimme brach, wie ein Auge bricht oder ein Herz.... Ihr Freund hüllte sein
Haupt in die Blätter der Laube - das ganze Erdenleben zog wie eine Klage
vorüber. - Klotildens schwere Vergangenheit, Klotildens düstere Zukunft rückten
zusammen vor seinem Auge und warfen im Dunkeln den Leichenschleier über diesen
Engel und zogen sie verhüllet in das Grab zur Schwester.... Er hatte sogar den
Abschied vergessen... er hatte nicht den Mut, die große Szene um sich
anzuschauen und die Gebeugte neben sich....
    Er hörte die Kleine gehen und sagen: »Ich hole dir ein größeres Kissen unter
den Kopf.«
    Klotilde stand auf und fasste seine Hand - er kehrte sich wieder um in die
Erde - und sie schaute ihn an mit einem verweinten, aber zärtlichen Auge,
dessen Tropfen zu rein waren für diese schmutzige Welt; aber in diesem großen
Auge stand etwas gleichsam wie die fürchterliche Frage: »Lieben wir uns nicht
vergeblich für diese Welt?« - Und ihr schlagendes Herz erschütterte die blutige
Nelke. - Der Mond und der Abendstern glimmten einsam wie eine Vergangenheit im
Himmel. - Julius ruhte stumm und niedergedrückt mit umschliessenden Armen auf dem
eingesunknen Hügel, der auf den Staub seines zersplitterten Paradieses gewälzet
war. -
    Die Töne der Nachtigall schlugen jetzo gleich hohen Wellen an die Nacht - da
ermannte er sich, um ihr Lebewohl zu sagen.... Leser! erhebe deinen Geist zu
keiner Entzückung, denn sie wird bald in einem Krampf erstarren - aber ich
erhebe meine Seele dazu, weil sogar das tödliche Niederstürzen an der Pforte des
Paradieses schön ist unter dem Weggehen daraus!
    Dem ersten Rufe der vertrauten Nachtigall antwortete plötzlich noch höher
eine neue hergeflatterte, von dicken Blüten gedämpfte Nachtigall, die immer
unter dem Singen flog und
