 »Recht, hier
brennt die Sonne nicht!« und schlug den rechten Arm um Viktor und gab ihm den
Brief und legte den Arm herum bis an sein Herz und sagte: »Du guter Mensch! sage
mir, wenn die Sonne nieder ist, und lies mir noch einmal den Brief des Engels
vor!«
    Viktor fing an: »Klotilde!« - »An wen ist er?« sagt' er. - »An mich!« (sagte
Julius) »und Klotilde hat mir ihn schon vorgelesen; aber ich konnte sie wegen
ihrem Weinen nicht verstehen, und ich war auch zu betrübt. - Ich werde vor
Kummer sterben, du gute Giulia, warum hast du mir es nicht vor deinem Tode
gesagt? - Die Tote hat ihn geschrieben, lies nur!« - Er las:
 
                                   »Klotilde!
Ich hülle meine errötenden Wangen in den Leichenschleier. Mein Geheimnis ruht in
meinem Herzen verborgen und wird mit ihm unter den Leichenstein gelegt. Aber
nach einem Jahre wird es aus dem zerfallenen Herzen dringen - o dann bleib' es
ewig in deinem, Klotilde! - und ewig in deinem, Julius! - Julius, war nicht oft
eine schweigende Gestalt um dich, die sich deinen Engel nannte? Legte sie nicht
einmal, als die Totenglocke ein blühendes Mädchen einläutete, eine weiße
Hyazinte in deine Hand und sagte: Engel pflücken solche weiße Blumen? Nahm
nicht einmal eine stumme Gestalt deine Hand und trocknete sich damit ihre Tränen
ab und konnt' es nicht sagen, warum sie weine? Sagte nicht einmal eine leise
Stimme: Lebe wohl, ich werde dir nicht mehr erscheinen, ich gehe in den Himmel
zurück? Diese Gestalt war ich, o Julius; denn ich habe dich geliebt und bis in
den Tod. Siehe! hier steh' ich am Ufer der zweiten Welt, aber ich schaue nicht
hinüber in ihre unendlichen Gefilde, sondern ich kehre mein Angesicht noch
sinkend nach dir zurück, nach dir, und mein Auge bricht an deinem Bilde. - Jetzt
hab' ich dir alles gesagt. - Nun komm, stillender Tod, drücke langsam die weiße
Hyazinte nieder und teile bald das Herz auseinander, damit Julius darin die
verschlossene Liebe sehe. - Ach wirst denn du eine Tote in deine Seele nehmen?
Wirst du weinen, wenn du dieses lesen hörest? Ach wenn mein zugedeckter,
eingesunkner Staub dich nicht mehr berühren kann, wird mein entfernter Geist von
deinem geliebt werden? - Aber ich beschwöre dich, o Unvergesslicher, geh an dem
Tage, wo dir dieses Tränenblatt vorgelesen wird, da gehe, wenn die Sonne
untergeht, hinauf zu meinem Grabe und bringe dem bleichen Angesicht darunter,
das der alte Hügel schon entzweidrückt, und
