 da er weiter bedachte, dass dieses edle, von einem Emanuel
verschönerte und eines Emanuels würdige Herz sich doch mit allen seinen Himmeln
dem wankelmütigen Herzen des Schülers ergab - und dass der Guten nicht einmal
dieser bescheidne Wunsch gelang, weil das Schicksal die Blüte ihrer Liebe wie
die einer Rosenstaude aufschob durch Verpflanzung, durch Setzen in Schatten,
durch Beschneiden der Knospen im Frühjahr und Herbst - und da er sah, dass
gleichwohl diese Edle mit dem Finger auf dem Munde, mit der Hand auf dem trüben
Herzen, ohne einen Wink ihres Grams geschieden wäre nach Maiental, und dass die
moralische Kälte diese Blume, wie die physische andere Blumen, erhob, aber ihr
dadurch die Wurzeln des Lebens abriss - und da endlich sein Traum am dritten
Osterfeiertag, wo ihm vorkam, als säh' er sie auf einem lichten Nebel singend
aus der Erde steigen, wie eine große Regenwolke vorüberging, und der Traum mit
ihren erblassten Farben vor seiner schmachtenden Seele stille stand, und eine
Stimme aus dem Traum ihn fragte: »Wirst du sie lange lieben, da sich Engel nach
ihr sehnen und sie aus dem Kummer heben und dir nichts lassen als das Grab des
zu lang verkannten Herzens?«- - da alle diese Gedanken glühend und
aneinandergereihet wie Hügelketten von roten Abendwolken um seine Seele zogen:
so wurde sein Herz wie ein Altar durch ein vom Himmel fallendes Opferfeuer
bedeckt, und alle seine erdigen Lüste, alle seine Flecken vergingen in diesem
Feuer - kurz, er beschloss, sich zu bessern, um durch Tugend würdig zu sein einer
Tugendhaften.
    Er bekehrte sich den 3ten April 1793 gegen Abend, als der Mond - und die
Erde - unter seinen Füßen im Nadir waren. -
    Der Leser kann über diesen Chronometer gelacht haben; aber jeder Mensch, an
dem die Tugend etwas Höheres ist als ein zufälliger Wasserast und Holztrieb, muss
die Stunde sagen können, worin jene die Hamadryade seines Innern wurde - welches
die Theologen Bekehrung und die Herrnhuter Durchbruch nennen. Wie soll die Zeit
nicht unsre geistigen Empfindungen abmarken, da ja bloß diese jene abstecken?
    Es gibt - oder kommt - in jedem mehr solarischen als planetarischen Menschen
eine hohe Stunde, wo sich sein Herz unter gewaltsamen Bewegungen und
schmerzlichen Losreissungen endlich durch eine Erhebung plötzlich umwendet gegen
die Tugend, in jenem unbegreiflichen Übergang, wie der ist, wenn sich der Mensch
von einem Glaubenssystem auf einmal zum andern, oder vom höchsten Punkte des
Grolls schnell zu einer zerschmelzenden Vergebung aller Fehler hinüberhebt -
jene hohe Stunde, die Geburtstunde des tugendhaften Lebens, ist auch die süßeste
desselben, weil dem Menschen ist, als wäre ihm der drückende Körper abgenommen,
weil er die Wonne genießt, keine Widersprüche in sich zu fühlen, weil alle
seine Ketten fallen
