 eignen Nacht. -
    Und hier bei diesem Eintritt gleichsam aus dem Getümmel der Erde in die
stille überdämmerte Unterwelt flossen kalte Schauer und nach ihnen glühende
Schauer über Viktors Nerven. - Dies geschieht, wenn die Seele des Menschen zu
voll ist und zu sehr erschüttert wird, und alle Fäden ihres zitternden
Körpergewebes schwanken dann mit ihr. - Sein Schlitten wurde jetzt eine
fliegende Gondel. Die entgegenschlagende Nachtluft wehte alle seine Flammen an.
O! der Strom voll Eisspitzen, wenn er über ihn gezogen, die kühle Decke von
Schnee, wenn sie auf ihm gelegen wäre! - Immerfort rief es in ihm: »Du fährst
die Stille, die Geduldige mit ihrem schwarzen Schleier dem Tode zu - es ist ihr
Leichenwagen - die edle Perlenfischerin hat dem Himmel ihr Zeichen gegeben, dass
sie hier unten Schmerzen und Tugenden genug gesammelt habe, damit er sie wieder
hinaufziehe zu sich.« - Die vorüberrückenden Berge, die vorbeistürzenden Bäume,
die wegrinnenden Felder, diese Flucht der Natur schien in einen großen
Wasserfall zusammenzufliessen, der alles mittrieb und den Menschen zuerst, und
nichts stehen ließ als die Zeit. - Und als er in das Tal, wo die Stadt
verschwindet, wie vor einem Jahre seine begleitenden Freundinnen, hinunterrollte
und als der Mond scheinbar hinter den Bäumen durch den Himmel zu fliegen anfing:
so richtete er seine Augen gegen die Sterne auf und redete zurückgebogen,
hinaufstarrend, zertrümmert den Himmel laut an: »Tiefes blaues Grab über den
Menschen, du versteckst deine weiten Nächte hinter zusammengerückten Sonnen! Du
ziehest uns und unsre Tränen hinauf wie Dünste. - Ach wirf nicht die armen, sich
so kurz sehenden Menschen so weit auseinander, nicht so unendlich weit! - Und
warum kann der Mensch nicht hinaufblicken zu dir, ohne zu denken: wer weiß,
welches geliebte Herz ich droben nach einem Jahre suchen muss!« -
    Seine verdunkelten Augen fielen schmerzhaft vom Himmel herab - auf
Klotildens ihre, die aufgehoben seinen gegenüberstanden. Sie konnte die Träne,
die vom Auge erst bis zur Wange gefallen war, weder durch den Schleier
entziehen, noch für eine auf dem Angesicht zergangene Schneeflocke ausgeben, da
der Schleier die Flocken abstiess; aber eine solche Träne hatte keinen Schleier
nötig. Klotilde hatte gedacht, er meine bloß Emanuel, und darum wurde sie
weich.... Wie zwei scheidende Engel schauten beide sich mit weinenden Augen an.
Aber Klotilde zog die ihrigen ab, und ihr Haupt bückte erliegend sich vorwärts.
Gleichwohl wandte sie sich wieder um und tat mit dem Himmels-Angesicht und mit
der Himmels-Stimme die schöne Bitte an ihn: »Würdigen Sie dieser warmen
Freundschaft auch meinen Bruder; und vergeben Sie der Schwester heute diese
Bitte, da ich sie vielleicht lange nicht
