 Ach ich dachte, ich
würde mich noch recht lange, von einem Trauerjahr zum andern, nach dem Sterben
sehnen müssen, ach ich besorgte, diese erblassten Wangen, diese hineingeweinten
Augen würden den Tod nicht erbitten, er würde mich veralten lassen und mir das
verblühte Herz erst abnehmen, wenn es sich müde geschlagen - aber siehe, er
kommt eher - In wenig Tagen, vielleicht in wenig Stunden wird ein Engel vor mich
treten und lächeln, und ich werd' es sehen, dass es der Tod ist, und auch lächeln
und recht freudig sagen: Nimm immer mein schlagendes Herz in deine Hand, du
Abgesandter der Ewigkeit, und sorge für meine Seele.
    Bist du aber nicht jung, (wird der Engel sagen) hast du nicht erst diese
Erde betreten? Soll ich dich schon zurückführen, eh' sie ihren Frühling hat?
    Aber ich werde antworten: Schau diese untergegangnen Wangen an und diese
ermüdeten Augen und drücke sie nur zu - o lege den Leichenstein57 an meine
Brust, damit er alle Wunden aussauge und nicht eher abfalle, als bis sie
ausgeheilet sind - Ach ich habe wohl nichts Gutes in der Welt getan, aber auch
nichts Böses.
    Dann sagt der Engel: Wenn ich dich berühre, so erstarrest du - der Frühling
und die Menschen und die ganze Erde verschwinden, und ich allein stehe neben dir
- Ist denn deine junge Seele schon so müde und so wund? Welche Leiden sind denn
schon in deiner Brust?
    Berühre mich nur, guter Engel! Jetzt sagt er: Wenn ich dich berühre, so
zerstäubst du, und alle deine Geliebten sehen nichts mehr von dir -
    O berühre mich! ...«
                                       *
Der Tod berührte das blutige Herz, und ein Mensch war vorüber...
    Während Viktor das Trauerblatt las, hatte die Schwester der Toten einige
Male, weil sie sich das dachte, was er las, die Augen abgetrocknet, und als er
sie ansah, schimmerten darin die Samenperlen einer weichen Seele. Aber er
wünschte sich jetzo die Unsichtbarkeit seines Gesichts oder den Erker seines
Zimmers, um allen Seufzern und Gefühlen ungesehen nachzuhängen. Wär' er in einem
bürgerlichen Hause gewesen: so hätte er unverspottet jetzt zu den ausgepackten
Kleidern und in die künftigen Zimmer Klotildens gehen können - und er hätte
gleichsam die grünen Fluren von Maiental wieder erblickt, wenn er die
romantischen Gewänder, worin Giulia sie durchstreifet hatte, unter den letzten
Küssen der Schwester hätte verschließen sehen - - Aber in einem solchen Hause
wars eine Unmöglichkeit.
    Er verzieh jetzt, da er seltener den Genuss der fremden Empfindsamkeit hatte,
sogar das Übertreiben derselben leicht. Dass sie den Körper zerrütte, war ihm der
elendeste Einwand, weil ihn ja alles Edlere, jede Anstrengung
