 blinden Julius zum
erstenmal sagte, dass ein Ewiger ist. - In jener Nacht, mein Geliebter, zogen
mich die Entzückung und Andacht zu hoch, und das dünne Leben wollte reißen. Ich
blutete lange. Im Winter, wo an die Stelle der Erden-Reize die des Himmels
treten49, verbiete mir das Gemälde des Sommers nicht.
    O mein Sohn! - ich musste dir ja schreiben, weil meine Freundin Klotilde
klaget, dass sie zum neuen Jahre aus der grünen Laube der Einsamkeit auf den
drängenden Marktplatz des Hofes gezogen werde - ihre Seele ist dunkel von Trauer
und streckt die Arme nach dem stillen Leben aus, das von ihr genommen wird. Ich
weiß nicht, was ein Hof ist - du wirst es wissen, und ich beschwöre dich, erlöse
meine Freundin und lenke die Hand ab, die sie aus St. Lüne ziehen will. Wenn du
es nicht kannst: so verlasse am Hofe die geliebte Seele nicht - sei ihr
heissester Freund - ziehe die Bienenstacheln der Erdenstunden aus ihrem milden
Herzen. - Wenn kalte Worte wie Schneeflocken auf diese Blume fallen: so schmelze
sie der Hauch der Liebe zu Tränen, die du rinnen siehst - Wenn über ihr Leben
ein Gewitter aufsteigt: so zeig ihr den Engel, der auf der Sonne steht und über
unsere Gewitter den Regenbogen der Hoffnung zieht - O dich, den ich so liebe,
wird meine Freundin auch so lieben, und wenn mein Freund ihr sein sanftes Herz,
sein weiches Auge, seine Tugend, seine von der Natur und von dem Ewigen bewohnte
Seele aufdeckt: so wird er meine Freundin vor sich glücklich werden sehen, und
das erhabene Angesicht, das vor ihm in Tränen und Lächeln und Liebe zerfliesst,
wird immer in seinem Herzen bleiben.
                                                                       Emanuel.«
Siehe, da trat in dieser glühenden Minute die erhabene Gestalt, die er gestern
gesehen, wieder vor sein Herz mit den wehmütig lächelnden Lippen und mit den
Augen voll Tränen; und als die Gestalt vor ihm schweben blieb und schimmerte und
lächelte, so stand seine Seele vor ihr wie vor einer Verstorbenen auf, und alle
Wunden fingen wieder unter dem Erheben an zu bluten, und er rief: »So weiche
denn nie aus meinem Herzen, du erhabene Gestalt, und ruh' ewig auf seinen
Wunden!« - Die Trostlosigkeit, die Ermattung und der Schlaf überhüllten seinen
Geist, so wie seinen letzten Gedanken, nächstens nach St. Lüne wieder zu gehen
und ihre Eltern zu bereden, sie nicht an den Hof zu zwingen...
    Der lange Schlaf des Todes schließt unsere Narben zu, und der kurze des
Lebens unsere Wunden. Der Schlaf ist die Hälfte der Zeit, die uns heilt. Der
erwachte Viktor, dessen Fieber der
