 dass wir darum krumme Gänge
wählen, wie die Minierraupe durch die Ästchen ihres Blattes sich zu Krümmungen
zwingen lässt? - Nein, alles, was ich gesagt habe, ist wahr; aber ich hätt' es
nicht gesagt, wenn nicht andre Schmerzen mich auch auf jene führten; und doch
hättest du es mir, du unschuldig-kindlich-erhaben-trauender Lehrer, geglaubt.
Ach, du hälst mich für zu gut... o es ist ein weiter ermüdender Schritt von der
Bewunderung zur Nachahmung! - Jetzt aber blick in mein geöffnetes Herz!
    Seitdem ich hier im Totenhaus meiner kindlichen Freuden, in den Beeten, wo
meine Kindheitjahre geblühet und abgeblühet haben, vielleicht mit zu vielen
Träumen der Vergangenheit umhergehe; - und noch mehr: von dem Tage an, wo du
meinem Herzen den Reiz zum Fieber-Schlage auf mein ganzes Leben gegeben, seitdem
du mir das Leben aufgedeckt, worin sich der Mensch zerblättert, und den dünnen
spitzigen Augenblick, auf dem er so schmerzhaft steht, seit jener
Abschied-Nacht, wo meine Seele groß und meine Tränen unerschöpflich waren, rinnt
eine ewige Wunde in mir, und der Seufzer einer Sehnsucht, die nichts zu nennen
weiß als Träume und Tränen und Liebe, liegt wie eine stockende Ader beklemmend
und verzehrend in meiner Brust - - Ach, ich lache noch wie sonst, ich
philosophiere noch wie sonst, aber mein Inneres sieht nur der Geliebte, dem ichs
jetzt entblösse.
    O Schicksal, warum schlugst du in den Menschen den Funken einer Liebe, die
in seinem eignen Herzblut ersticken muss? Ruht nicht in uns allen das holde Bild
einer Geliebten, eines Geliebten, wovor wir weinen, wonach wir suchen, worauf
wir hoffen, ach und so vergeblich, so vergeblich? - Steht nicht der Mensch vor
der Brust eines Menschen wie die Turteltaube vor dem Spiegel und girret wie
diese sich heiser vor einem toten flachen Bilde darin, das er für die Schwester
seiner klagenden Seele hält? - Warum frägt uns denn jeder schöne Frühlingabend,
jedes schmelzende Lied, jede überströmende Freude: wo hast du die geliebte
Seele, der du deine Wonne sagst und gibst? Warum gibt die Musik dem bestürmten
Herzen statt der Ruhe nur größere Wellen, wie das Geläute der Glocken die
Ungewitter, anstatt zu entfernen, herunterzieht? Und warum ruft es draußen an
einem schönen stillen hellen Tage, wenn du über das ganze aufgeschlagne Gemälde
einer Landschaft siehst, über die Blumen-Meere, die auf ihr zittern, über die
herabgeworfnen Wolkenschatten, die von einem Hügel zum andern fliehen, und über
die Berge, die sich wie Ufer und Mauern um unsern Blumenzirkel ziehen, warum
ruft es da denn unaufhörlich in dir: Ach, hinter den rauchenden Bergen
