Ja, mein Geliebter! -
Ich kann mich nicht mehr an die Erde gewöhnen; der Wassertropfen des Lebens ist
flach und seicht geworden, ich kann mich nicht mehr darin bewegen, und mein Herz
sehnt sich unter die großen Menschen, die diesen Tropfen verlassen haben. - - O
Geliebter, höre doch« - (und hier drückte er das Herz seines Viktors wund) -
»diesen schweren Atem gehen - siehe doch diesen zerbrochnen Körper, diese dichte
Hülle meinen Geist umwickeln und seinen Gang erschweren. -
    Siehe, hier klebt mein und dein Geist angefroren an die Eisscholle, und dort
decket die Nacht alle hintereinander ruhende Himmel auf, dort im blauen
glimmenden Abgrunde wohnt alles Große, was sich auf der Erde entkleidet hat,
alles Wahre, das wir ahnen, alles Gute, das wir lieben. -
    Sieh, wie alles so still ist drüben in der Unendlichkeit - wie leise ziehen
die Welten, wie still schimmern die Sonnen - der große Ewige ruht wie eine
Quelle mit seiner überfliessenden unendlichen Liebe mitten unter ihnen und
erquickt und beruhigt alles; und um Gott steht kein Grab.«
    Hier stand Emanuel, wie von einer unendlichen Seligkeit gehoben, auf und sah
liebend zum Arkturus empor, der noch unter dem Gipfel des Himmels hing, und
sagte, gegen die blinkende weite Tiefe gerichtet: »Ach wie unaussprechlich sehen'
ich mich hinüber zu euch - ach zerfalle, altes Herz, und verschliess mich nicht
so lange!« - »So stirb denn, große Seele,« (sagte Viktor) »und ziehe hinüber;
aber brich mein kleines Herz durch deinen Tod und behalte den Armen bei dir, der
dich nicht verlassen und nicht entbehren kann.«
    Die Flöte hatte aufgehört, die beiden Menschen waren aneinander gesunken, um
ihren Abschied zu endigen. »Teurer, Geliebter, Unvergesslicher,« (sagte Emanuel)
»du bewegst mich zu sehr - aber wenn ich nach einem Jahre auf diesem Berge
verscheide, so sollst du bei mir stehen und sehen, wie dem Menschen die Banden
abgenommen werden. Deine Tränen werden meine letzten Erden-Schmerzen sein; aber
ich werde sagen, was ich jetzt sage: wir scheiden uns in der Nacht, aber wir
finden uns wieder am Tage.« Hier ging er.
    Viktor hatte sich leise von den kindlichen Lippen losgewunden - er jagte
nicht auf seinem Nacht-Steige - langsam ging er vor lauter Schlaf vorbei. - Er
wandte sich oft um und verfolgte mit Augen voll fallender Tränen die fallenden
Sterne über Maiental - und um 4 Uhr morgens kam er mit einer himmlischen Seele
in St. Lüne an und trat in den Garten voll alter Szenen und legte in der
bekannten Laube das glühende Haupt und das bekämpfte Herz
