 diesem Jahr, wo ich noch nicht weggehoben werde, will ich
bloß bei dir bleiben, und wenn der Tod kommt und mein Herz fodert, findet er es
bloß an deiner Brust.
    Ich kenne meinen Freund, sein Leben und seine Zukunft. In deinen kommenden
Jahren stehen dunkle Marterkammern offen, und wenn ich sterbe und du bei mir
bist, werd' ich seufzen: warum kann ich ihn nicht mitnehmen, eh' er seine Tränen
vergiesset!
    Ach Horion! im Menschen steht ein schwarzes Totenmeer, aus dem sich erst,
wenn es zittert, die glückliche Insel der zweiten Welt mit ihrem Nebeln vorhebt!
Aber meine Lippen werden schon unter dem Erdenkloss liegen, wenn die kalte Stunde
zu dir kommt, wo du keinen Gott mehr sehen wirst, wo auf seinem Thron der Tod
liegt und um sich mäht und bis ans Nichts seine Frostschatten und seine
Sensen-Blitze wirft. - O Geliebter, mein Hügel wird dann schon stehen, wenn
deine innere Mitternacht anbricht; mit Jammer wirst du auf ihn steigen und
ergrimmt in die sanften Sternenkränze blicken und rufen22: Wo ist der, dessen
Herz unter mir entzweigeht? Wo ist die Ewigkeit, die Maske der Zeit? Wo ist der
Unendliche? Das verhüllte Ich greift nach sich selber umher und stösset an seine
kalte Gestalt.... Schimmere mich nicht an, weites Sternengefild, du bist nur das
aus Farbenerden zusammengeworfene Gemälde an einem unendlichen Gottesackertore,
das vor der Wüste des unter dem Raume begrabnen Lebens steht.... Höhnet mich
nicht aus, Gestalten auf höheren Sternen, denn zerrinnt ich, zerrinnt ihr auch.
Ein, ein Ding, das der Mensch nicht nennen kann, glüht ewig im unermesslichen
Rauche, und ein Mittelpunkt ohne Maß verkalkt einen Umkreis ohne Maß. - Doch bin
ich noch; der Vesuv des Todes dampft noch über mich hinüber, und seine Asche
hüllt mich zu - seine fliegenden Felsen durchbohren Sonnen, seine Lavagüsse
bewegen zerlassene Welten, und in seinem Krater liegt die Vorwelt ausgestreckt,
und lauter Gräber treibt er auf... O Hoffnung, wo bleibst du?...
    Walle trunken um mich, beseelter Goldstaub, mit deinen dünnen Flügeln, ich
zerdrücke dein kurzes Blumenleben nicht - schwelle herauf, taumelnder Zephyr,
und spüle mich in deine Blütenkelche hinab - o du unermesslicher Strahlenguss,
falle aus der Sonne Über die enge Erde und führ' auf deinen Glanzfluten das
schwere Herz vor den höchsten Thron, damit das ewige unendliche Herz die
kleinen, an Asche grenzenden nehme und heile und wärme!
    Ist denn ein armer Sohn dieser Erde so unglücklich, dass er verzagen kann
mitten im Glanze des Morgens, so nahe an Gott auf den heißen Stufen seines
Trons?
    Fliehe mich nicht,
