 einen
schwermütigen Blick auf Amaliens schnell nachfolgendes; diese
nebeneinandergestellten Ideen zerschneiden meine Seele. Ich hasse mich, Eduard,
wenn ich daran denke, dass durch Amaliens Besitz meines Vaters Tod weniger
schmerzen könnte - aber ich schwöre Dir, es soll, es wird nicht sein. Zu diesem
unedlen Eigennutze wird Dein Freund nie hinabsinken. -
    Ein böser Dämon verfolgt mich in der Gestalt eines Engels, um Amaliens Bild
aus meinem Herzen zu reißen; aber dieser Versuch wird in Ewigkeit nicht
gelingen, ich bleibe ihr und meinen ersten, meinen schöneren Gefühlen treu. - Ich
spreche von der Komtesse Blainville, der Nichte des Grafen Melun; sie ist das
Modell einer griechischen Grazie, ein Zauberreiz begleitet jede ihrer
Bewegungen, sie darf nur lächeln, um die Göttin der Liebe zu sein - ein sanfter
Blick ihres Auges - und sie ist das schönste Bild der Schwermut. - Ich kann sie
nicht betrachten, ohne zu erröten, und sooft ihr Blick dem meinigen begegnet,
schlägt sie ihn sogleich furchtsam nieder, sie sucht meine Gesellschaft und
scheint sie doch vermeiden zu wollen; so viel Herzensgüte, Sanftmut und Verstand
hab ich noch bei keinem Mädchen gefunden. Ihre Schönheit ist auffallender, ihr
Auge größer und sprechender, und ihr ganzes Wesen hat, möcht ich sagen, einen
gewissen Zauber durch Bizarrerie und Pracht, wogegen Amaliens stille Schönheit
für die Phantasie gleichsam in den Schatten tritt. Nie wird sie aber in meinem
Herzen auch nur den kleinsten Sieg über jene himmlische Erscheinung davontragen;
aber darum kann ich mir ja doch gestehen, dass sie liebenswürdig ist, dass sie zu
den Ersten ihres Geschlechts gehört. Auch empfindet sie wirklich tief, ihre
zarte Seele ist nicht durch jenen witzigen Weltton der Franzosen verdorben; sie
ist ein einfaches Kind der Natur, ohne alle Prätension und Verstellung, ich habe
sie beim Anblicke des Elends gerührt gesehen.
    Ich schließe; Mortimer bringt mir soeben einen Brief. - O Eduard, er ist von
Amalien! - Nein, ich bin ein Elender, wenn ich sie vergessen könnte! - Welche
Freude hat dann noch der Garten aufzuweisen, wenn dieser schönste Baum in mir
verdorrt? - Ich bleibe ewig der ihrige, so wie der Deinige.
 
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                            Karl Wilmont an Mortimer
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Ich muss Dir endlich schreiben und sollte auch mein ganzer Brief nichts als die
Wiederholung der Phrase enthalten, dass ich Dir nichts zu schreiben weiß. Ich
schäme mich meiner Nachlässigkeit und meine ungelenkigen Finger haben das
Schreiben indes verlernt; oratorische Wendungen, Tropen, Metaphern und alle
Arten von Figuren hab ich rein vergessen, und ich selber spiele hier an meinem
Schreibpulte eine höchst armselige Figur, indem ich die Feder beisse und mir mit
der linken Hand in den Kopf kratze, um mich zu besinnen,
