 meinem Vaterlande eilen,
in Ihre Arme fliegen, o könnt ich Tage zurückzaubern und alle Seligkeiten von
der Vergangenheit wiederfordern! Ich sitze nun hier und wünsche und sinne, und
fühle so innig die Schmerzen der Trennung. Oh, wie dank ich dir, glücklicher
Genius, der du zuerst das Mittel erfandest, Gedanken und Gefühle einer toten
Masse mitzuteilen und so bis in ferne Länder zu sprechen; gewiss war es ein
Liebender, ein Geliebter, der zuerst diese Zeichen zusammensetzte und so die
Trennung hinterging. Aber doch, was kann ich Ihnen sagen? dass nur Sie mein
Gedanke im Wachen, meine Traumgestalt im Schlafe sind? Dass sich meine Phantasie
oft so sehr täuscht, dass ich Sie in fremden Gestalten wahrzunehmen glaube? dass
ich zittre, wenn auch das fremdeste Wesen von ungefähr den Namen: »Amalie«
nennt? Mit welchen Worten soll ich die Gefühle ausdrücken, die mein Herz
erweitern und zusammenziehn? Kein Zeichen entspricht der lebendigen Glut in
meinem Innern; oh, der hat nur halb empfunden, der noch Worte suchte und Worte
fand - ich kann, ich mag Ihnen nichts vorschwatzen - nur ein Wunsch, nur eine
Bitte: vergessen Sie nicht Ihren aufrichtigen, zärtlichen William, der Sie ewig
nicht vergessen kann.
 
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                        Amalie Wilmont an William Lovell
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Mit einer innigen Wehmut setz ich mich nieder, um Ihnen zu schreiben; ich hätte
Ihnen so manches zu sagen, so manche Antwort von Ihnen zu erbitten, und doch bin
ich in Verlegenheit, wie ich es Ihnen sagen soll. So unerwartet ich Sie in
London wiedersah, ebenso plötzlich sind Sie nun wieder abgereist; alle meine
Empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen Traum, in welchem ich
keinen Begriff, kein Gefühl fesseln, nachdenken und empfinden kann. Ach,
William, in der kurzen Zeit, in welcher ich Sie kannte, hatt ich mich so frei,
so kühn, und (ich weiß nicht, wie ich es nennen soll) so groß gefühlt, dass ich
der Zukunft froh und ohne Scheu entgegensah - aber jetzt beklemmt eine unnennbare
Bangigkeit meine Brust, mein Mut verlässt mich, ich fühle mich einsam und
verlassen, ich bin wieder ein Kind, wie ich vorher war. Ich weiß selbst nicht,
was ich von mir will, die Zukunft und die ganze Welt liegt in einer finsteren
Ausdehnung vor mir, ich ahnde, dass die Freuden dieses Lebens vielleicht die
zartesten Blumen sind; wehe dem Herzen, in welchem der Frühling zu früh aufgeht,
ein einziger wiederkehrender Wintertag lässt alle Blüten ersterben, dann ruft sie
kein Sonnenschein ins Leben zurück, keine herabfallende Träne erquickt sie
wieder. William, wenn dieser ewige Winter meiner wartete? - Doch, lassen Sie uns
abbrechen,
