 Spur, als ahndete man die Regel, nach
der sich die durcheinandergezogenen Kreise bewegen.
    Auf der Fahrt von Soutampton nach Guernsei hatten wir einen heftigen Sturm.
Der Blitz zersplitterte den einen Mast und die Wogen donnerten und brausten
fürchterlich. Wir alle kämpften mit der Furcht des Todes und dicke Nacht lag um
uns her. Die Winde strichen pfeifend über das empörte einsame Meer hin, und beim
Leuchten des Blitzes sahen wir den Aufruhr der Flut; das Geschrei der Matrosen
dazwischen, das Wehklagen der Geängstigten - es waren fürchterliche Stunden! Nie
hab ich mich so verlassen gefühlt und dem blinden Ohngefähr so gänzlich
preisgegeben. Mit der Kälte der Verzweiflung erwartete ich riesengrosse Wogen,
die das Schiff verschlängen, krachende Blitze, die es zerschmetterten, den
Orkan, der es auf eine Klippe schleuderte. Eine fremde, bis dahin unbekannte
Gewalt, die Liebe zum Leben, der Instinkt alles Lebendigen stand in meiner Brust
auf und beherrschte mich und mein Bewusstsein. Ich lernte zum ersten Male die
Furcht, die Angst vor dem Tode kennen; ich klammerte mich an den Mast so fest,
als wenn ich das Schiff durch meine eigne Kraft über den Fluten emporhalten
wollte. Ich wünschte nur zu leben, und vergaß jedes andere Glück und Elend der
Erde; der Tod war mir jetzt ein grässliches, riesenmässiges Ungeheuer, das seine
Hand kalt und unerbittlich nach mir ausstreckte; von allen Seiten hatten mich
seine Wächter eingesperrt und das Entrinnen war unmöglich! Wie lieb gewann ich
in diesen Augenblicken den Arm, der mich an den gefühllosen Mast kettete, wie
sehr liebt ich mich selbst! -
    Das Wetter ward endlich ruhiger und alle erwachten wie aus einem schweren
Träume; das Land, das wir erreichten, kam uns so neu und doch wie ein alter
Freund vor. -
    Ich mag nicht noch eine solche Stunde erleben, und wie leicht ist es
möglich, dass sie mich plötzlich überrascht. - Ach, noch weit entsetzlicher ist
das einsame Krankenbette, in das der Tod nach und nach mit hineinkriecht, sich
mit uns unter einer Decke verbirgt und so vertraulich tut. - Ich entsetze mich
in manchen Stunden davor, dass ich irgendeinmal sterben muss; man denkt daran nur
so selten ernstaft, und doch ist es wahr. Wie zittert der Sünder vor dem Tage
seiner Hinrichtung - und kann einer von uns diesem Schicksale entgehn? - Ach,
das Leben ist verächtlich und fürchterlich, aber der Tod ist entsetzlich und
abscheulich; der arme, geängstigte Mensch steht in der Mitte und weiß nicht,
wonach er greifen soll. - Wie kaltblütig uns die Dichter immer Sterbliche!
anreden, und wie wenig wir selbst meistenteils dabei empfinden!
 
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                           Eduard Burton an Mortimer
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Wie geht es Ihnen, lieber Mortimer? Ich habe
