 seiner Gegenwart ängstlich und beklemmt; ich mag
lieber viele Stunden mit dem alten ehrlichen Willy zubringen, sein gutmütiges
Geschwätz kommt aus seinem Herzen, ich weiß, dass er nicht über mich spottet, dass
er mich nicht studiert, um seine Menschenkenntnis zu vermehren. -
    Du wirst mir vielleicht wieder Bitterkeit und Übertreibung vorwerfen -
mag's! aber ich wünsche nichts so sehnlich, als den Tag, an welchem ich Paris
verlasse. Ich finde hier nichts von allem, was mich interessiert. - Die Stadt
ist ein wüster, unregelmässiger Steinhaufen, in ganz Paris hat man das Gefühl
eines Gefängnisses, die Pracht des Hofes und der Vornehmen kontrastiert auf eine
widrige Art mit der Armseligkeit der gemeineren Klassen; alles erinnert an
Sklaverei und Unterdrückung. Die Gebäude sind mit kleinlichen Zieraten
überladen, man stößt auf kein Kunstwerk, in welchem sich ein erhabener Geist
abspiegelte, die Göttin der Laune und des lachenden Witzes hat alles Große zum
Reizenden herabgewürdigt, und so sind aus den männlichen, kraftvollen Urbildern
Roms und Griechenlands gezierte und unnatürliche Hermaphroditen geworden. Von
dem großen Zwecke, von der erhabenen Bestimmung der Künste, von jenem Gefühle,
aus welchem die Griechen ihren Homer und Phidias an die Halbgötter richten -
davon ist auch hier die letzte Ahndung verlorengegangen; man lacht, man tanzt -
und hat gelebt. - Ach, die goldenen Zeiten der Musen sind überhaupt auf ewig
verschwunden! Als sich noch die Götter voll Milde auf die Erde herabliessen, als
die Schönheit und Furchtbarkeit noch in gleichgefälligen Gewändern auf den
bunten Wiesen verschlungen tanzten, als die Horen noch mit goldenem Schlüssel
Auroren ihre Bahn aufschlossen und segnende Gotteiten mit dem wohltätigen
Füllhorne durch ihre lachende Schöpfung wandelten - ach damals war das Große und
Schöne noch nicht zum Reizenden herabgewürdiget. Versinnlicht stand die erhabene
Weisheit unter den fühlenden Menschenkindern, an mitfühlende Götterherzen
gelangte das Gebet des Flehenden, Götter hielten Wacht an dem Lager des
schlafenden Elenden, keine Wüste war unbewohnt, seine Götter landeten mit dem
Verirrten an fremde Gestade, Sturmwinde und Quellen sprachen in verständlichen
Tönen, in der schönen Natur stand der Mensch unbefangen da, wie ein geliebtes
Kind im Kreise seiner zärtlichen Familie - aber jetzt, o Eduard, schon oft hab
ich es gewünscht und ich sag es Dir ungescheut - ich bedaure es, dass man den
entzückten Menschen so nahe an das schöne Gemälde geführt hat, dass die
täuschenden Perspektiven verfliegen: wir lachen jetzt über die, die sich einst
von diesen grobaufgetragenen Farben, von diesen verwirrten Strichen und Schatten
hintergehn ließ und Leben auf der toten Leinwand fanden - wir haben den Betrug
mit einem dreisten Schritte enträtselt - aber was haben wir damit gewonnen? Die
Gestalten sind verschwunden, aber unser Blick dringt doch nicht durch den
Vorhang - und wenn er es
