 Osten
her; ich wandelte mit stillem Erstaunen und vorbereitender Furcht unter den
Ruinen, und dachte an meinen Vater und Rosalinen, und an jene Zeit, als diese
Trümmern hier stattliche Landhäuser waren. - O ich bin heut ruhig genug, um
Ihnen alles weitläuftig zu beschreiben, das helle Morgenlicht glänzt über mein
Papier, und ich schildere Ihnen meine gestrige Empfindung nur wie eine poetische
Fiktion.
    Ach ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist? Die
Gegenwart ist nur ein Traum, die Vergangenheit dunkle Erinnerungen aus dem
Traume, die Zukunft eine Schattenwelt, deren wir uns einst auch nur mit Mühe
erinnern werden.
    In Rosalinens Fenstern brannte kein Licht, keine Lautentöne erklangen durch
die Nacht, keine Schatten bewegten sich auf dem grünen Rasen. Ich konnte es
nicht unterlassen, dicht zum verlassenen Hause hinzugehn, und meine Arme, wie in
Gedanken nach dem verödeten Gebäude auszustrecken: ich konnte es nicht
begreifen, warum die Hütte jetzt unbewohnt war; alles in meinen Erinnerungen war
so ungewiss und doch so quälend, ich trat schnell vom Hause hinweg, und die Welt
lag so dürr und ausgestorben da, ich hörte Menschenschritte, die dumpf und
unerquicklich in der Einsamkeit widerhallten, Vögel mit ziehenden Gesängen und
rauschende Bäume, alles, alles umher, wie mühsam zusammengebracht, um die
Totenstille zu unterbrechen. Jeder Ton hatte seinen Klang verloren, der uns
entzückt und begeistert, jeder Gegenstand die Bedeutung, die ihm unsre erhitzte
Phantasie beilegt. Die Berge standen fern hinauf wie Totenhügel, das ganze
Menschengeschlecht kam mir arm und bejammernswürdig vor, wie sie alle mit den
Füßen schon in ihren Gräbern wandeln, und immer tiefer und tiefer untersinken,
nach Hilfe schreien, und kläglich die Hände ausstrecken, aber kein
Vorübergehender sie hört und keiner sich der armen Verlassenen erbarmt. Keine
Dämmerung und Morgenröte wollte sich an meinem Horizonte emporringen, unermüdet
lag die melancholische Nacht mit ihren Flügeln über mir; ach und ich konnte
nicht weinen und schluchzen, ich konnte meinen heißen dürren Jammer nicht in
Tränen und Töne auflösen, kein Mitleid mit mir selbst stieg wie eine Blume in
meinem Herzen auf, um mich mit ihrem poetischen Dufte zu laben, keine goldene
Täuschung kam meinen müden Sinnen zu Hilfe; ich fühlte mich wie in einem
Gefängnisse unter Millionen Elenden verriegelt, dürr und kalt die Mauern um uns
her, ach ich glaubte nicht der einzig Verstossene zu sein, und konnte mich darum
nicht trösten.
    Ich hatte vergessen, wen ich erwartete, als mir eine schreckliche, ach nur
zu bekannte Gestalt näher trat. Die Furchtbarkeit meiner Empfindung kam in
sichtbarer Bildung auf mich zu, und ich entsetzte mich innig. - Was soll ich
hier von kindischen Träumereien reden, an die ich selbst nicht glauben kann,
warum
