 Eduard, ja, ich werde sie heut noch sehen!
 
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                        William Lovell an Eduard Burton
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Eduard, o freue Dich mit mir, Freund mit Deiner brüderlichen Seele, alle Zweifel
sind gehoben, alle Rätsel aufgelöst - Amalie liebt mich! - Dieses neue
Bewusstsein hat mich aus allen kleinen armseligen Gefühlen zum hohen Genuße
eines Gottes emporgerissen, ich bin zu Empfindungen gereift, von denen mir auch
keine Ahndung etwas sagte, ich stehe in einer Welt, wo der gütige Schöpfer
Freude und Wonne aus jedem Zweige blühen und über jeden Hügel glänzen lässt. -
Alles was ich sehe, was ich höre, - alles was lebt ist vom Hauche der Liebe -
vom Hauche Gottes beseelt.
    Wie unter mir alles zusammenschrumpft, was ich einst für groß und wichtig
hielt! Ich nehme es mit der Zukunft und allen ihren Begebenheiten auf.
    Wie gleichgültig und öde kam noch gestern die ganze Welt meinem Blicke
entgegen; alles ist heut mein Freund, alles lächelt mich liebevoll an. - Eduard
- wie soll ich Dir die Empfindung beschreiben, als ich nun die Straße betrat, in
der sie wohnt - als ich vor ihrem Hause stand - es war schon Abend, ein blasser
Schimmer des Mondes brach durch graue Wolken - mein Herz klopfte hörbar, als ich
dem Bedienten meinen Namen sagte und die Treppen hinaufstieg. - Sie war allein,
ich trat in das Zimmer. - Himmel! war es nicht, als käme mir ein Engel entgegen,
um mich im Paradiese zu bewillkommnen, wie ein heiliger Duft wehte mich die Luft
an, in der sie atmete - ich weiß nicht, was ich ihr sagte, ich weiß nicht, was
sie antwortete, aber meinen Namen sprach sie einigemal mit einer
unaussprechlichen Süßigkeit. - Wir setzten uns, ich war in einer wehmütigen
freudigen Stimmung - sie sprach von der glücklichen Aussicht einer so schönen
Reise - ich hatte Mühe, meine Tränen zurückzuhalten - o Himmel, wie gütig sie zu
mir sprach, wie jeder Ton im Innersten meiner Seele widerklang, jede Silbe
foderte mich auf, mich dieser holdseligen Güte zu entdecken - ich sank an ihren
Busen und stammelte ihr das Bekenntnis meiner Liebe.
    Ich war auf alles gefasst, aber nicht auf diese Milde eines glänzenden
Engels, mit der sie mich schweigend noch fester an ihren Busen drückte. - Ich
zweifelte in diesem Augenblicke an meinem Dasein, an meinem Bewusstsein - an
allem. Meine Freude hatte mich einer Ohnmacht nahe gebracht.
    Unsre Lippen begegneten sich, ihr Mund brannte auf dem meinigen - mein Herz
ging auf vom ersten Sonnenstrahle getroffen - wie Blumen taten sich alle meine
Sinne auf, den Glanz in sich zu saugen, der so freundlich auf sie herabstrahlte.
Ich drückte sie inniger an meine Brust,
