 uns alle.
 
                                  Fünftes Buch
                                        1
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Wenn man sich noch einige Zeit nach dem geendigten Schauspiele verweilt, dann
der Vorhang wieder in die Höhe geht, und einzelne Stücke von Dekorationen an den
kahlen Wänden hängen, Waffen und Rüstungen zerstreut auf dem Boden liegen, die
emsigen Aufseher die Lichter auslöschen und sammeln, hin und wieder ein
schlechter Schauspieler noch mit tragischem Schritte auf und nieder geht, und
seine Rolle nicht vergessen kann: so, Rosa, in diesem armseligen Lichte
erscheint mir jetzt das Leben. Die Menschen sind mir nichts als schlechte
Komödianten, Tugendhelden oder witzige Köpfe, Liebhaber oder zärtliche Väter,
nachdem es ihre Rolle mit sich bringt, die sie so schlecht, wie es nur immer
eine wandernde Truppe tun kann, zu Ende spielen. Auch ich bin unter dem Haufen
einer der Mitspieler, und so wie ich die andern verachte, werde ich wieder von
ihnen verachtet.
    Warum schlagen so oft die höchsten Wogen in unsrer Seele, und dann so
plötzlich ein träger dumpfer Stillstand? So wie das moosige, schlammige Gestade
bei der Ebbe. - O ich möchte mir wieder Stürme in diese träge Blutmasse
wünschen, Gefühle, die die Tränen aus ihren tiefen Kerkern reißen, Seufzer und
Schmerz, Qual und Wollust, um wieder in den Kreis der übrigen Menschen zu
treten, den ich jetzt aus der Ferne anschaue und verachte.
    Willy und sein altes, gutmütiges Gesicht fehlt mir in jeder Stunde, er war
sehr froh, dass er sein Vaterland wiedersehen sollte. Wie gern sich der Mensch
doch an Erinnerungen und leblose Gegenstände fesselt, und jeden Berg und
einheimischen Baum für einen Freund und Wohltäter ansieht!
    Rosalinens Mutter ist befriedigt, und alles mit ihr abgetan; ich glaube, sie
wird nicht lange leben, und also auch meiner Unterstützung nicht auf lange
bedürfen, sie war sehr schwach, als ich sie sah. - Wie die Fäden eines
Weberstuhls flimmert und zittert das menschliche Leben vor meinen Augen, ein
ewiges Wechseln und Durcheinanderschiessen, und dabei doch das langweilige, ewige
Einerlei!
 
                                       2
                        Eduard Burton an William Lovell
                                                                         Bondly.
Mein geliebter Freund, noch immer muss ich Dich so nennen, sosehr Du Dich auch
von mir wendest. Ich kann mein früheres Leben nicht so wie Du aufgeben, um ein
neues in der Wüste zu suchen, ich bin nur Mann, weil ich Kind war, und alle
meine Erinnerungen und Gemütsstimmungen wie ein Ganzes zusammengehören. O
William, kehre zu uns zurück, sei wieder kindlich, heiter und unschuldig, wirf
jene glänzenden Sophismen von Dir, die nur Deine Ketten verkleiden.
    Ach ich sollte in einem ernstern Tone, mit tiefer Trauer sprechen, denn
welche Nachricht hab ich Dir zu hinterbringen! - Dein Vater ist nicht
