 Ach, Antonio, wie sollt ich das können? - Wenn Du da bist,
schäm ich mich nur immer zu sagen, wie gut ich Dir bin: man hat keine Worte
dazu, ich müsste neue ausdenken. Aber wenn Du so weggegangen bist, und ich Dir
nun nachsehe, oder wenn ich einen Deiner Briefe lese, sieh, so kehrt sich mir
das ganze Herz um, und ich möchte Dir nachrennen, Dich vor der ganzen Welt in
meine Arme drücken, Dein liebes Gesicht küssen, und in Tränen vergehen und rufen:
Ja, Menschen seht es, Bäume und Berge hört es, so, so lieb ich ihn; was kümmert
ihr mich alle, wenn er mir nur, der einzig Teure in der Welt, übrigbleibt? Sieh,
wenn Du nichts nach mir fragtest; so könnt ich zu Deinen Füßen niederknien, und
um Deine Liebe bitten; ich könnte meine Religion verlassen und nicht mehr zur
göttlichen Madonne beten, wenn Du es wolltest: ich könnte mit Dir in fremde,
wüste Länder ziehen, wo man andre Sprachen spricht, wo, wie man mir einst erzählt
hat, Eis und Winter fast immer die Luft zusammenzieht; o ich könnte für Dich
sterben - alles, alles, nur Dich nicht vergessen, nur nicht Deinen Tod, oder
Deine Verachtung überleben. - Ach, kannst Du mich noch unempfindlich und
undankbar schelten? Kannst Du noch auf mein liebes Lied böse sein?
 
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                              Antonio an Rosaline
Nein, ich will Dein Lied nicht mehr schelten, liebe Rosaline. Ich habe Dir und
ihm Unrecht getan, und ich will es ihm abbitten: Schicke mir zur Versöhnung die
Abschrift, die Du davon hast, ich will es zu Deinen Briefen, zu Deinem Bilde, zu
Deiner Locke legen; mehr kann ich ihm zur Ehre doch nicht tun. - Wie hat mich
Dein lieber Brief gerührt! Oh, ich habe ihn um Vergebung gebeten, und will es
mündlich bei Dir wiederholen. Bin ich Dir wirklich so teuer, als Du da
schreibst? Ich kann es nicht glauben, und glaub es doch so gern. Deine Stimme
klingt mir, wie ein Ton aus einem Traume, der mir die Schätze der Erde
verspricht, und dem die wirkliche Natur nicht Wort halten kann. Ach nein! die
Liebe macht das Unmögliche leicht. Sie ersetzt uns jedes Glück der Erde. -
 
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                              Rosaline an Antonio
Siehst Du nun wohl, dass ich recht habe? Dafür will ich Dir nun auch das Lied so
zierlich und schön abschreiben, als es mir nur immer möglich ist. -
                             Der Arme und die Liebe
Es kam an einem Pilgerstab
Wohl übers graue Meer
Ein Wandersmann ins Tal herab,
Von fremden Landen her.
Erbarmt euch meiner,
