 nicht ermüden, damit uns
nicht die Nüchternheit entgegenkömmt, die hinter den Freuden lauert, und so
immer wilder und wilder im jauchzenden Schwunge, bis uns Sinne und Atem stocken,
die Welt sich vor unsern Augen in Millionen flimmernde Regenbogen zerspaltet,
und wir wie verbannte Geister auf sie von einem fernen Planeten herunterblicken.
Eine hohe bacchantische Wut entzünde den frechen Geist, dass er nie wieder in den
Armseligkeiten der gewöhnlichen Welt einheimisch werde!
 
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                             William Lovell an Rosa
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Warum schwärmen Sie schon wieder in Neapel herum, und verlassen Ihren Freund? -
Ich mag nicht Ihr Begleiter sein, weil ich Baldern fürchte, sein Anblick und
seine Art des Wahnsinns schneiden durch mein Herz. Ich fühle mich hier in
manchen Stunden außerordentlich einsam, ich gehe aus, um Sie zu sehen und
vergesse, dass Sie nicht in Rom sind. Ich habe soeben einen Brief an meinen
Freund Eduard gesiegelt und die Tränen stehen mir noch heiß in den Augen; alles,
was ich je empfand, kam ungestüm, wie ein Waldstrom in meine Seele zurück; ich
unterdrückte dies Gefühl, das immer heftiger in mir emporquoll, und schrieb
endlich in einer Angst, in der ich mir selber trotzte, mich einer blinden Sucht
zu übertreiben ergab, musste aber den Brief plötzlich abbrechen, weil die Tränen
endlich ihrer Fesseln ledig wurden und ich laut schluchzend und klagend in
meinen Sessel sank. Wie aus den Wolken schwindelte ich herunter, alles, was mich
aufrecht erhielt, verließ mich treulos; - der Mensch ist ein elendes Geschöpf!
    Ja das Blendwerk der jugendlichen Phantasie ist jetzt von meinen Augen
genommen, ich habe mich über meine Empfindungen belehrt, und verachte mich jetzt
eben da, wo ich mir einst als ein Gott erschien - aber ach, Rosa, ich wünsche
mir jetzt in manchen Stunden dies kindische Blendwerk zurück. Was ist aller
Genuss der Welt am Ende, und warum wollen wir die Täuschung nicht beibehalten,
die uns auf jedem Felsen einen Garten finden lässt? -
    Und ist denn meine jetzige Meinung nicht vielleicht ebensowohl Täuschung,
als meine vorhergehende? - Mir fällt es erst jetzt ein, dass beide Ansichten der
Welt und ihrer Schätze einseitig sind, und es sein müssen - alles liegt dunkel
und rätselhaft vor unsern Füßen; wer steht mir dafür ein, dass ich nicht einen
weit größeren Irrtum gegen einen kleineren eingetauscht habe?
    Als ich mich so meiner vorigen Existenz erinnerte, als ich alle Szenen, die
mich sonst entzückten, meinen Augen vorübergehen ließ, als ich an die Aussichten
des Lebens dachte, wie sie damals vor mir lagen - o Rosa, wie eine untergehende
Sonne beschien mich der blasse Strahl, ohne mich zu erwärmen; es fiel eine
seltsame, rätselhafte Ahndung meine schwankende Seele an -
