
ihn deutlich zu entwickeln. - Dass wir Sinnlichkeit haben, ist keineswegs
verächtlich und kann es nicht sein - und doch streben wir unaufhörlich, sie uns
selber abzuleugnen und sie mit unserer Vernunft in eins zu schmelzen, um nur in
jedem der vorüberfliegenden Gefühle uns selbst achten zu können. Denn freilich
ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unserer Maschine, sie
wälzt unser Dasein von der Stelle, und macht es froh und lebendig; ein Hebel,
der in uns hineinreicht, und mit kleinen Gewichten große Lasten zieht. Alles,
was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein. Sinnlichkeit und Wollust
sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste, alle Wünsche der
Menschen fliegen um diesen Pol, wie Mücken um das brennende Licht.
Schönheitssinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen, sie
bezeichnen nichts weiter, als den Trieb des Menschen zur Wollust; an jeder
reizenden Form, an jedem Bilde des Dichters weidet sich das trunkene Auge, die
Gemälde, vor denen der Entzückte niederkniet, sind nichts als Einleitungen zum
Sinnengenuss, jeder Klang, jedes schöngeworfene Gewand winkt ihn dorthin; daher
sind Boccaz und Ariost die größten Dichter, und Tizian und der mutwillige
Korreggio stehen weit über Dominichino und den frommen Raffael.
    Ich halte selbst die Andacht nur für einen abgeleiteten Kanal des rohen
Sinnentriebes, der sich in tausend mannigfaltigen Farben bricht, und auf jede
Stunde unsers Lebens einen Funken wirft. - Da mir die Augen nun darüber geöffnet
sind, will ich mich geduldig in mein Schicksal ergeben, ich darf kein Engel
sein, aber ungestört will ich als Mensch dahinwandeln, ich will mich hüten, mir
selbst um mein Dasein ängstigende Schranken zu ziehen. - So ist mir der Name
Amalie fremd geworden; war meine hohe, taumelnde, hingegebene Liebe, etwas
anders, als das rohe Streben nach ihrem Besitze? ein Gefühl, das wir uns von
Jugend auf verkünsteln, und uns das simple Gemälde unsers Lebens mit unsinnigen
Arabesken verderben. - Darum eben verachtet der Greis diese jugendlichen
Aufwallungen und wilden Sprünge des Gefühls, weil er zu gut erfahren hat, wohin
sich alle diese glänzende Meteore am Ende senken; sie fallen wieder wie Raketen
zur Erde und verlöschen. - Aber diese Greise sind zugleich für Künste und
Enthusiasmus tot, weil die Blüte der Sinnlichkeit für sie abgeblüht ist, die
Seele ist in ihnen ausgeloschen, und sie sind nur noch die matte Abbildung eines
Lebendigen.
    Ich will dem Pfade folgen, der sich vor mir ausstreckt, die Freuden begegnen
uns, solange die Spitzen in unsern Sinnen noch scharf sind. Das ganze Leben ist
ein taumelnder Tanz; schwenkt wild den Reigen herum, und lasst alle Instrumente
noch lauter durcheinanderklingen! Lasst das bunte Gewühl
