 mit jugendlicher Stärke
umschlang ich die Welt; mein unersättliches Herz wollte mit unbesiegbarem Drange
alle Schätze des Lebens aufsuchen und genießen - jetzt war eine kleine Hütte das
einzige Ziel meiner Gedanken, Nanettens Auge meine Welt, ihr Kuss mein höchstes
Ideal von Glückseligkeit.
    Mein Erwachen am andern Morgen - ich werde es nie vergessen! - Das erste
Gefühl der Überraschung war mehr Trunkenheit als Glük, ein quälendes Übermaas
von überirdischem Entzükken - was ich jetzt empfand, war ein reines, namenloses
süßes Bewusstsein meines Glüks. Dies lebendige Gefühl der Wirklichkeit, deren
Möglichkeit ich zuvor beinahe bezweifelte; der freudige Glaube an eine seelige
Zukunft, verbunden mit der Gewissheit einer glücklichen Gegenwart; das
unaussprechliche Wohlgefallen, mit dem ich an Nanetten gedachte - dies alles
wirkte so harmonienvoll, schmolz so entzükkend in eins zusammen, dass alle meine
Gefühle sich allgewaltig zu Einem freudigen Accord zusammenfügten. Ich eilte ins
Freie. Die Sonne stralte über den Bergen, die sich dunkel erhoben. Rund um mich
her ruhten die freundlichen Dörfer im Kranze rötlich blühender Obstbäume. Ein
frisches Lebenslüftchen säuselte, und küsste die Regentropfen auf, die noch auf
den Blättern standen. Tausend Kehlen sangen aus den Gebüschen, tausend Blumen
sendeten mir ihre süßen Gerüche zu. Es war die Welt nicht mehr, worin ich noch
gestern so unglücklich gewesen war. Eine neue Sonne war über mir heraufgegangen.
Leicht wie das Atmen der Morgenluft durchflog mein Geist die Schöpfung, und
verlor sich in ihrem unermesslichen Lebensmeere. Das, was dem natürlichen
Menschen so süßes Bedürfnis ist, wenn er sich glücklich fühlt, das innigste
Dankgefühl durchdrang mich jetzt. Wie hätte ich in dieser lebendigen Schöpfung
den toten Zufall ertragen können? - Mein Geist verlangte ein Wesen, dem er sein
Entzükken zurechnen, dem er durch seine Seeligkeit seinen Dank weihen konnte.
Dieses Wesen - unerweislich und unableugbar - kein Gegenstand der Erkenntnis,
sondern des Gefühls - ich fand es in der ganzen Natur. Für mich gab es keine
toten Formen mehr; mit heiliger Ahndung sah ich aus allen Wesen geheime Deutung
hervorsprossen, und vernahm im Innersten meines Seins ihren göttlichen Sinn.
Ungeteilt überließ ich mich meinen Entzükkungen. Sind Empfindungen nicht
heilig? - sind sie nicht die reine göttliche Sprache, durch welche die Natur zu
uns redet? - Vernunft soll sie leiten, nicht verdrängen - und die dunklen
Ahndungen des Gefühls zu verdeutlichen, bedarf es ihrer höheren Kraft.
    Ich berauschte mich von neuem in der entzükkenden Vorstellung meines Glüks.
So überraschend, so alles übertreffend hatte ich es nie erwartet, nie geträumt!
Mit der Erfindsamkeit eines Schwelgers rief ich mir gewissenhaft alle Szenen des
Kummers zurück, suchte alle Wunden wieder aufzureissen - um sie nun alle, alle in
diesem Jubel der Empfindung vergessen zu können. Ich sollte
