 vor dem kleinen Fenster, alle Sorgen unwiderstehlich
von mir verscheucht würden.
    Einst war ich in kochender Hitze unter den Bergen herumgeirrt. Die Lüfte
brannten, kein Blättchen zitterte; kein Gräschen wankte; es schien der
verglühten Natur der Atem zu fernerm Leben zu fehlen. Mit einemmale wälzte der
starke Fittig des Sturms die Wolken zusammen. Wasserfluten strömten, Blitze
verschlangen die Lüfte, der Donner erschütterte die Berge, die Eichen bebten.
Mühsam erreichte ich die kleine Hütte. Atemlos stürzte sich hinter mir ein
andres Wesen herein. Ich sah mich um, es war, und alle Pulse stokten - es war
Nanette!
    Wo hat noch je ein glücklicher Maler den hohen Augenblick des Wiedersehens in
seiner ganzen Fülle gefasst und dargestellt? - - Schwelgerisch feiert ihn das
Gefühl, armselig verkältet ihn der Ausdruk. Ein innres, innigers Leben glüht in
den Herzen der Liebenden. Ohne Worte verstehen sie sich im süßen idealischen
Einklange aller ihrer Empfindungen.
    Wir traten heraus aus der Hütte. Ein neues, tausendfaches Leben war über
mich ausgegossen. Unbemerkt von uns hatte der Sturm fortgerast; unbemerkt hatte
er geschwiegen. Der Himmel stralte wieder in seiner vorigen Klarheit. Rings
umher schwammen die Berge im Flammengold der untergehenden Sonne. Sprachlos, im
süßen Einklang mit der hohen Feier dieser Szene, stand die Liebenswürdige da,
und in ihren Augen fand ich eine noch weit herrlichere Schöpfung als selbst die,
die vor uns lag. Wie glücklich war ich! Ich fühlte es tief, es war der erste,
heilige Moment eines neuen seligern Daseins.
    Die Riesenschatten der Berge dehnten sich tiefer über das Tal hin; in
blassgraue Dämmrung verlosch allmählig die Rosenglut des Abends. Wir müssen
scheiden, sagte mir Nanette, mit dem süßen Händedruck eines unschuldigen
Wohlwollens, meine Mutter wird längst auf mich warten. Ich wagte es nicht ihr zu
widersprechen, so heilig war mir ihr kleinster Wille. Auch begleiten durft ich
sie nicht. Morgen sehen wir uns hier wieder, fuhr sie fort, und der stille Ernst
ihrer Züge ging mit einemmal in die süßeste unbefangenste Freude über. Welches
Leben in diesen Zügen! welche feine Mischung von glücklichem Scharfsinn und
warmer Empfindung! welche zarte Verwebung von ungekünstelter Natur und feinerer
Bildung, von jugendlichem Frohsinn und ruhiger Vernunft! meine Phantasie wusste
nichts hinzuzusetzen, und fand hier ihr kühnstes Ideal erreicht. Leicht betrat
sie einen Felsenpfad, der sich heimlich durch die Klippen hinauf wand.
Unbeweglich sah ich die schlanke liebliche Gestalt durch die Felsen empor
klimmen, sah, wie sie mir noch einmal liebevoll winkte, und zuletzt hinter
Gebüschen verschwand. Mit ihrem Bilde im Busen ging auch ich, ein neuer Mensch,
nach meiner Wohnung zurück. Wie sonderbar! Einst überflog meine brennende
Sehnsucht die stillen Gränzen meines Vaterlands;
