 kam immer mehr Leben und Geist unter uns. Wir sprachen viel von
den herrlichen Kindern des alten Joniens, von Sappho und Alcäus, und Anakreon,
sonderlich von Homer, seinem Grabe zu Nio, von einer nahen Felsengrotte, am Ufer
des Meles, wo der Herrliche manche Stunde der Begeisterung gefeiert haben soll,
und manchem andern; wie neben uns die freundlichen Bäume des Gartens, wo vom
Hauche des Frühlings gelöst, die Blüten auf die Erde regneten, so teilten unsre
Gemüter sich mit; jedes nach seiner Art, und auch die Ärmsten gaben etwas.
Melite sprach manch himmlisches Wort, kunstlos, ohne alle Absicht, in lautrer
heiliger Einfalt. Oft wenn ich sie sprechen hörte, fielen mir die Bilder des
Dädalus ein, von denen Pausanias sagt, ihr Anblick habe bei all ihrer
Einfachheit etwas Göttliches gehabt.
    Lange saß ich stumm, und verschlang die himmlische Schönheit, die, wie
Strahlen des Morgenlichts, in mein Inneres drang, und die erstorbenen Keime
meines Wesens ins Leben rief.
    Man sprach endlich auch von so manchen Wundern griechischer Freundschaft,
von den Dioskuren, von Achill und Patroklus, von der Phalanx der Sparter, von
all den Liebenden und Geliebten, die aufund untergingen über der Welt,
unzertrennlich, wie die ewigen Lichter des Himmels.
    Da wacht ich auf. Wir sollten davon nicht sprechen, rief ich.
    Solche Herrlichkeit zernichtet uns Arme. Freilich waren es goldne Tage, wo
man die Waffen tauschte, und sich liebte bis zum Tode, wo man unsterbliche
Kinder zeugte in der Begeisterung der Liebe und Schönheit, Taten fürs Vaterland,
und himmlische Gesänge, und ewige Worte der Weisheit, ach! wo der ägyptische
Priester dem Solon noch vorwarf: »ihr Griechen seid alle Zeit Jünglinge!« Wir
sind nun Greise geworden, klüger, als alle die Herrlichen, die dahin sind; nur
schade, dass so manche Kraft verschmachtet in diesem fremden Elemente!
    Vergiss das zum wenigsten für heute, Hyperion! rief Notara; und ich gab ihm
recht.
    Melites Auge ruhte so ernst und groß auf mir. Wer hätte nicht alles
vergessen.
    Auf dem Wege nach der Stadt kam ich an ihre Seite. Ich drückte die Arme mit
Macht gegen mein schauderndes Herz. Ich zwang den verwirrenden Tumult in mir,
dass ich sprechen konnte.
    O mein Bellarmin! Wie ich sie verstand, und wie sie das freute! wie ein
zufällig Wörtchen von ihr eine Welt von Gedanken in mir hervorrief! Sie war ein
wahrer Triumph der Geister über alles Kleine und Schwache, diese stille
Vereinigung unsers Denkens, und Dichtens.
    An Notaras Hause schieden wir. Ich taumelte fort in rasender Freude, schalt
und lachte über den Kleinmut meines Herzens in den vergangenen Tagen, und sah
mit
