 den weißen Flügeln
eines Sommervogels tragen ließ, der ungehört und einsam über bunte Blumen wogte
und ans breite grüne Blatt sich wie eine Ohrrose versilbernd hing .....: so fing
der Himmel an zu brennen, der entflohenen Nacht loderte der nachschleifende Saum
ihres Mantels weg, und auf dem Rand der Erde lag, wie eine vom göttlichen Throne
niedergesunkene Krone Gottes, die Sonne. Gustav rief: »Gott steht dort« und
stürzte mit geblendetem Auge und Geiste und mit dem größten Gebet, das noch ein
kindlicher zehnjähriger Busen fasste, auf die Blumen hin .....
    Schlage die Augen nur wieder auf, du Lieber! Du siehst nicht mehr in die
glühende Lavakugel hinein; du liegst an der beschattenden Brust deiner Mutter,
und ihr liebendes Herz darin ist deine Sonne und dein Gott - zum ersten Mal sieh
das unnennbar holde, weibliche und mütterliche Lächeln, zum ersten Male höre die
elterliche Stimme; denn die ersten zwei Seligen, die im Himmel dir
entgegengehen, sind deine Eltern. O himmlische Stunde! Die Sonne strahlt, alle
Tautropfen funkeln unter ihr, acht Freudentränen fallen mit dem milderen
Sonnenbilde nieder, und vier Menschen stehen selig und gerührt auf einer Erde,
die so weit vom Himmel liegt! Verhülltes Schicksal! wird unser Tod sein wie
Gustavs seiner? Verhülltes Schicksal! das hinter unsrer Erde wie hinter einer
Larve sitzet und das uns Zeit lässt, zu sein - ach! wenn der Tod uns zerleget
und ein großer Genius uns aus der Gruft in den Himmel gehoben hat, wenn dann
seine Sonnen und Freuden unsere Seele überwältigen, wirst du uns da auch eine
bekannte Menschenbrust geben, an der wir das schwache Auge aufschlagen? O
Schicksal! gibst du uns wieder, was wir niemals hier vergessen können? Kein Auge
wird sich auf dieses Blatt richten, das hier nichts zu beweinen und nichts dort
wiederzufinden hat: ach wird es nach diesem Leben voll Toter keiner bekannten
Gestalt begegnen, zu der wir sagen können: willkommen? ....
    Das Schicksal steht stumm hinter der Larve; die menschliche Träne steht
dunkel auf dem Grabe; die Sonne leuchtet nicht in die Träne. - Aber unser
liebendes Herz stirbt in der Unsterblichkeit nicht und vor dem Angesichte Gottes
nicht.
 
                        Sechster Sektor oder Ausschnitt
         Gewaltsame Entführung des schönen Gesichts - wichtiges Porträt
Das Erstaunen Gustavs, zu dem ihn den ganzen Tag ein Gegenstand nach dem andern
anstrengte, und die Entbehrung des Schlafs endigten seinen ersten Himmeltag mit
einem Fieberabend, den er würde verweint haben, auch ohne einen Grund. Aber er
hatte einen: sein Genius war während des Tumultes im Garten mit einem
sprachlosen Kusse von dem Liebling fortgezogen und hatte nichts zurückgelassen
als der Mutter ein Blättchen. Er hatte nämlich ein
