 der Natur und beten an Gottes Altären, den
Bergen, - der eisgraue Winter mit dem schneeweißen Chorhemd - der sammelnde
Herbst mit Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der
Mensch nehmen darf - der feurige Jüngling, der Sommer, der bis nachts arbeitet,
um zu opfern - und endlich der kindliche Frühling mit seinem weißen
Kirchenschmuck von Blüten, der wie ein Kind Blumen und Blütenkelche um den
erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete alles mitbetet, was ihn beten
hört. - Und für Menschenkinder ist ja der Frühling der schönste Priester.
    Diesen Blumenpriester sah der kleine Gustav zuerst am Altar. Vor
Sonnenaufgang am ersten Junius (unten wars Abend) kniete der Genius schweigend
hin und betete mit den Augen und stummzitternden Lippen ein Gebet für Gustav,
das über sein ganzes gewagtes Leben die Flügel ausbreitete. Eine Flöte hob oben
ein inniges liebendes Rufen an, und der Genius sagte, selber überwältigt: »Es
ruft uns heraus aus der Erde, hinauf gen Himmel; geh mit mir, mein Gustav.« Der
Kleine bebte vor Freude und Angst. Die Flöte tönet fort - sie gehen den
Nachtgang der Himmelleiter hinauf - zwei ängstliche Herzen zerbrechen mit ihren
Schlägen beinahe die Brust - der Genius stösset die Pforte auf, hinter der die
Welt steht - und hebt sein Kind in die Erde und unter den Himmel hinaus ......
Nun schlagen die hohen Wogen des lebendigen Meers über Gustav zusammen - mit
stockendem Atem, mit erdrücktem Auge, mit überschütteter Seele steht er vor dem
unübersehlichen Angesicht der Natur und hält sich zitternd fester an seinen
Genius .... Als er aber nach dem ersten Erstarren seinen Geist aufgeschlossen,
aufgerissen hatte für diese Ströme - als er die tausend Arme fühlte, womit ihn
die hohe Seele des Weltall an sich drückte - als er zu sehen vermochte das grüne
taumelnde Blumenleben um sich und die nickenden Lilien, die lebendiger ihm
erschienen als seine, und als er die zitternde Blume tot zu treten fürchtete -
als sein wieder aufwärts geworfnes Auge in dem tiefen Himmel, der Öffnung der
Unendlichkeit, versank - und als er sich scheuete vor dem Herunterbrechen der
herumziehenden schwarzroten Wolkengebirge und der über seinem Haupt schwimmenden
Länder - als er die Berge wie neue Erden auf unserer liegen sah - und als ihn
umrang das unendliche Leben, das gefiederte neben der Wolke fliegende Leben, das
summende Leben zu seinen Füßen, das goldne kriechende Leben auf allen Blättern,
die lebendigen, auf ihn winkenden Arme und Häupter der Riesenbäume - und als der
Morgenwind ihm der große Atem eines kommenden Genius schien und als die
flatternde Laube sprach und der Apfelbaum seine Wange mit einem kalten Blatt
bewarf - als endlich sein belastet-gehendes Auge sich auf
