 Menschen führen
werden, die uns nie begegnen, sondern höchstens unsern Urnen, und die wir so
gern lieben würden - und dass bloß ein paar arme Jahrzehende uns einige fliehende
Gestalten vorführen, die ihr Auge auf uns wenden und in denen das verschwisterte
Herz für uns ist, nach dem wir uns sehnen. - Umfasset diese eilenden Gestalten;
aber bloß aus euren Tränen werdet ihr wissen, dass ihr seid geliebt worden ....
    - Und eben dieses, dass die Hand eines Menschen über so wenige Jahre
hinausreicht und dass die so wenige gute Hände fassen kann, das muss ihn
entschuldigen, wenn er ein Buch macht: seine Stimme reicht weiter als seine
Hand, sein enger Kreis der Liebe zerfliesset in weitere Zirkel, und wenn er
selber nicht mehr ist, so wehen seine nachtönenden Gedanken in dem papiernen
Laube noch fort und spielen, wie andre zerstiebende Träume, durch ihr Geflüster
und ihren Schatten von manchem fernen Herzen eine schwere Stunde hinweg. -
Dieses ist auch mein Wunsch, aber nicht meine Hoffnung. Wenn es aber eine schöne
weiche Seele gibt, die so voll ihres Innern, ihrer Erinnerung und ihrer
Phantasien ist, dass sie sogar bei meinen schwachen überschwillt - wenn sie sich
und ein volles Auge, das sie nicht bezwingen kann, mit dieser Geschichte
verbirgt, weil sie darin ihre eigne, ihre verschwundnen Freunde, ihre
vorübergezognen Tage und ihre versiegten Tränen wiederfindet: o dann, geliebte
Seele, hab' ich an dich darin gedacht, ob ich dich gleich nicht kannte, und ich
bin dein Freund, wiewohl nicht dein Bekannter gewesen. Noch bessere Menschen
werden dir beides sein, wenn du den schlimmern verbirgst, was du jenen zeigst,
wenn das Göttliche in dir, gleich Gott, in einer hohen Unsichtbarkeit bleibt,
und wenn du sogar deine Tränen verschleierst - weil harte Hände sich
ausstrecken, die gern sie mit dem Auge zerdrücken, wie man nach dem Regen alle
grünen Spitzen des englischen Gartens niederschleift, damit sie nicht
weiterkeimen ....
    - Der helle Stern oder Tautropfe in der Ähre der Jungfrau fällt jetzt unter
den Horizont. - Ich stehe noch hier auf meiner blumichten Erde und denke: noch
trägst du auf deinen Blumen, alte gute Erde, deine Menschenkinder an die Sonne,
wie die Mutter den Säugling ans Licht - noch bist du ganz von deinen Kindern
umschlungen, behangen, bedeckt, und indes Geflügel auf deinen Schultern
flattert, Tiermassen um deine Füße schreiten, geflügelte Goldpunkte um deine
Locken schweifen, führest du das aufgerichtete hohe Menschengeschlecht an deiner
Hand durch den Himmel, zeigest uns allen deine Morgenröten, deine Blumen und das
ganze lichtervolle Haus des unendlichen Vaters und erzählest deinen Kindern von
ihm, die ihn noch nicht gesehen haben. - -
