 nimmt, und möchte euren Freuden keine fehlen als die, dass ihr sie
uns noch nicht erzählen könnt!
    Alles Sonnenlicht umzauberte und überwallte mir bloß wie erhöhtes
Mondenlicht alle Schattengänge von Lilienbad; die vorige Nacht schien mir in den
heutigen Tag herüberzulangen, und ich kann nicht sagen, wie mir der Mond, der
noch mit seinem abgewischten Schimmer wie eine Schneeflocke tief gegen Abend
herhing, so willkommen und lieb wurde. O blasser Freund der Not und der Nacht!
ich denke schon noch an dein elysisches Schimmern, an deine abgekühlten
Strahlen, womit du uns an Bächen und in Laubgängen begleitest und womit du die
traurige Nacht in einen von weiten gesehenen Tag umkleidest! Magischer
Prospektmaler der künftigen Welt, für die wir brennen und weinen, wie ein
Gestorbner sich verschönert, so malest du jene auf unsre irdische, wenn sie mit
allen ihren Blumen und Menschen schläft oder schweigend dir zusieht! -
    Ich gäbe heute die vornehmste Visite darum, wenn ich eine bei den
Glücklichen des gestrigen Tages machen könnte; es ist aber nicht zu tun. Sogar
Beata hat heute eine von ihrer Mutter; und mein Auge konnte noch nichts von ihr
habhaft werden als die fünf weißen Finger, womit sie einen Blumentopf an ihrem
Fenster aus dem Schatten eines Zweiges wegdrehte. O wenn unser altes Leben und
unsre Wandelgänge wieder anheben und alles wieder beisammenlebt: was soll da die
Gelehrten-Republik nicht zu lesen bekommen!
    Heute reich' ich ihr nichts mehr als Beatens Geleitbrief an Gustav, weil ich
ihn nur abzuschreiben brauche. Ich schlüpfe dann wieder ins Freie, beschiffe
nach der Seekarte meines Kopfes den gestrigen Weg noch einmal, und indem ich die
verzettelten Blumen, die gestern unsre vollen Hände fallen ließ, als Nachflor
auflese, find' ich die höheren auch. - Man wird einige Stellen im folgenden
Aufsatze Beaten verzeihen, wenn ich voraussage, dass sie - vielleicht durch ihr
Herz so gut wie durch ihren Vater überlistet, der nur ein äusserlicher Renegat
des Katholizismus war - von den Engeln und ihrer Anbetung mehr glaubte, als
Nicolai und die Schmalkaldischen (Waren-)Artikel einer Luteranerin verstatten
können. Denn das schwache und so oft hülflose Weib, das nicht weit über diese
Erde zu steigen wagt, legt in der Stunde der Not so gern ihre Bitten und ihre
Seufzer vor einer Marie, vor einer Seligen, vor einem Engel nieder; aber der
festere Mann wird nachsichtig einen Wahn nicht rügen, der so trösten kann. -
                           Wünsche für meinen Freund
»Es ist kein Wahn, dass Engel um den bedrohten Menschen mitten in ihren Freuden
wachen, wie die Mutter unter ihren Freuden und Geschäften ihre Kinder hütet. O!
ihr unbekannten Unsterblichen! schliesset euch ein einziger Himmel ein? - Dauert
euch nie der
