 vor ihm zurückweicht und alles aussieht wie ein ausgespannter großer
Flor, indes bloß die höhere zweite Welt mit ihren Strahlen in dieses Schwarz
hereinhängt? So leget der Himmel, wenn man ihn auf hohen Bergen besieht, sein
Blau ab und wird schwarz, weil jenes nicht seine, sondern unsrer Atmosphäre
Farbe ist; aber die Sonne ist dann wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese
Nacht gedrückt und flammt fort ....
    Ich schaute gerade zum Sternenhimmel auf; aber er erhellet meine Seele
nicht mehr wie sonst: seine Sonnen und Erden verwittern ja ebenso wie die,
worein ich zerfalle. Ob eine Minute den Maden-Zahn, oder ein Jahrtausend den
Haifisch-Zahn an eine Welt setze: das ist einerlei, zermalmt wird sie doch.
Nicht bloß diese Erde ist eitel, sondern alles, das neben ihr durch den Himmel
flieht und das sich nur in der Größe von ihr trennt. Und du holde Sonne selber,
die du wie eine Mutter, wenn das Kind gute Nacht nimmt, uns so zärtlich
ansiehest, wenn uns die Erde wegträgt und den Vorhang der Nacht um unsre Betten
zieht, auch du fällest einmal in deine Nacht und in dein Bette und brauchst eine
Sonne, um Strahlen zu haben! -
    Es ist also sonderbar, dass man höhere Sterne oder gar die Planeten und ihre
Tochterländer zu Blumenkübeln macht, in die uns der Tod steckt, wie etwa der
Amerikaner nach dem Tode nach Europa zu fahren hofft. Die Europäer würden seinen
Wahn erwidern und Amerika für die Walhalla der Abgeschiednen halten, wenn nur
unsre zweite Halbkugel statt 1000 Meilen etwa 60000, wie die bekannte des
Mondes, entfernt von uns hinge. O mein Geist begehrt etwas anders als eine
aufgewärmte, neu aufgelegte Erde, eine andre Sättigung, als auf irgendeinem Kot-
oder Feuer-Klumpen des Himmels wächset, ein längeres Leben, als ein
zerbröckelnder Wandelstern trägt; aber ich begreife nichts davon ....
    Komm nur recht bald zu meinem Kopfe, dem du die eine Locke genommen: solange
ich lebe, soll die Seite, an der du den Lockenraub begangen, zum Andenken, was
ich war und werde, ohne Zierde bleiben. etc.
                                                                       Ottomar.«
                                       *
Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks,
später aber Proselyten und Apostel desselben, und den verzerrenden,
mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem
ebnen ab, der die Natur bloß verdoppelt, indem er sie malt. So werden die
handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsätze und aus Stürmern
der Tugend größere Freunde von beiden, als fehlerlosere Menschen niemals werden.
Ottomar wird einmal die übertreffen, die ihn jetzo tadeln können. Übrigens werd'
ich ihn im Verfolge dieser Viel-
