 genug, ich sehnte mich nach nichts Grossem mehr als nach dem Tode und vorher
nach dem Herbst des Lebens und Alters, wo der Mensch, wenn die Jugend-Vögel
verstummen, wenn über der Erde Nebel und fliegender Faden-Sommer liegt, wenn der
Himmel ausgeheitert, aber nicht brennend über allem steht, sich entschlafend auf
die welken Blätter legt. - - - Lebe wohl, mein Freund, auf einer Erde, wo man
weiter nichts Gutes tun kann als in ihr liegen; im nächsten Herbst sind wir
aneinander!«
                                       *
    Zu diesem Briefe, der meine ganze Seele nimmt und meine Irrtümer sowohl als
meine Wünsche erneuert, kann ich nichts mehr sagen, als dass heute der erste
Mensch in dieser Geschichte auf einem Berg begraben worden ist. Wenn ich nach
vier oder fünf Sektoren von seinem abendrötlichen Tode rede: so werden schon die
Züge seiner Gestalt bleicher und zerrissen sein, sowohl im Sarge als im Herzen
der Freunde!
                                   Extrablatt
  Von hohen Menschen - und Beweis, dass die Leidenschaften ins zweite Leben und
                          Stoizismus in dieses gehören
Gewisse Menschen nenn' ich hohe oder Festtagmenschen, und in meiner Geschichte
gehören Ottomar, Gustav, der Genius, der Doktor darunter, weiter niemand.
    Unter einem hohen Menschen mein' ich nicht den geraden ehrlichen festen
Mann, der wie ein Weltkörper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als
scheinbare - noch mein' ich die feine Seele, die mit weissagendem Gefühl alles
glättet, jeden schont, jeden vergnügt und sich aufopfert, aber nicht wegwirft -
noch den Mann von Ehre, dessen Wort ein Fels ist und in dessen von der
Zentralsonne der Ehre brennenden und bewegten Brust keine anderen Gedanken und
Absichten sind als Taten außer ihr - und endlich weder den kalten von
Grundsätzen gelenkten Tugendhaften, noch den Gefühlvollen, dessen Fühlfäden sich
um alle Wesen wickeln und zucken in der fremden Wunde und der die Tugend und
eine Schöne mit gleichem Feuer umfasset - auch den bloßen großen Menschen von
Genie mein' ich nicht unter dem hohen, und schon die Metapher deutet dort
waagrechte und hier steilrechte Ausdehnung an.
    Sondern den mein' ich, der zum größeren oder geringem Grade aller dieser
Vorzüge noch etwas setzt, was die Erde so selten hat - die Erhebung über die
Erde, das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Tuns und der Unförmlichkeit
zwischen unserem Herzen und unserem Orte, das über das verwirrende Gebüsch und
den ekelhaften Köder unsers Fussbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des
Todes und den Blick über die Wolken. Wenn ein Engel sich über unsern Luftkreis
stellte und durch dieses trübe mit Wolkenschaum und schwimmendem Kot
verfinsterte Meer herniedersähe auf den Meergrund, auf dem wir liegen und kleben
- wenn er die tausend Augen und Hände sähe, die geradeaus waagrecht nach dem
Inhalte der Luft,
