 mit dem Kopfkissen zu und ließ,
ohne sich anzuklagen oder zu entschuldigen, seine Augen so viel weinen, als sie
konnten. Wir werden es hören, ob er sein krankes Haupt wieder vom Kopfkissen
erhob und wann er wieder von Gustav ins stille Land begleitet wurde, aus dem er
ihn zurückzustossen suchte. O der Mensch! - warum will dein so bald in Salz,
Wasser und Erde zerbröckelndes Herz ein anderes zerbröckelndes Herz zerschlagen
- Ach eh' du mit deiner aufgehobnen Totenhand zuschlägst: fällt sie ab in den
Gottesacker hin - ach eh' du dem feindlichen Busen die Wunde gegeben, liegt er
um und fühlt sie nicht, und dein Hass ist tot oder auch du.
 
                                    Fußnoten
1 Nämlich 1791.
 
                Fünfundzwanzigster oder XXII. Trinitatis-Sektor
                                 Ottomars Brief
Wenn wir Ottomars Brief gelesen: so wollen wir uns an Gustavs neues Theater
stellen und ihm zuschauen. Im folgenden Briefe herrscht und tobt ein Geist, der
wie ein Alp alle Menschen höherer und edler Art drückt und oft bewohnt und den
bloß - so viel er auch holländische Geister überwiege - ein höherer Geist
übertrifft und hinausdrängt. Viele Menschen leben in der Erdnähe, einige in der
Erdferne, wenige in der Sonnennähe. - Fenk sehnte sich so oft nach seinem
Ottomar, zumal nach seinem Stillschweigen von einigen Jahren, und er sprach so
oft von ihm gegen Gustav, dass es gut war, dass die Adresse des Briefes von
fremder Hand und an Doktor Zoppo in Pavia war: sonst hätte der Doktor sogleich
gegen die erste Zeile des Briefes gesündigt.
    »Nenne, ewiger Freund, meinen Namen dem Überbringer nicht; ich muss es tun.
Auf meinem letzten Lebensjahre liegt ein großes schwarzes Siegel; zerbrich es
nicht, halte die Vergangenheit für die Zukunft - ich mache sie zur Gegenwart für
dich, aber jetzo noch nicht - und wenn ich stürbe, ich träte vor dich und sagte
dir mein letztes Geheimnis der Erde.
    Ich schreibe dir, damit du nur weißt, dass ich lebe und dass ich im Herbste
komme. Mein Reisedurst ist mit Alpen-Eis und Seewasser gelöscht; ich ziehe nun
heim in meine Ruhestatt, und wenn mich dann unter meiner Haustüre wieder über
die Berge hinüberverlangt: so denk' ich: in den Guadiana- und in den Wolgastrom
sieht das nämliche lechzende Menschenherz hinein, das in dir neben dem Rheine
seufzet, und was auf die Alpen und auf den Kaukasus steigt, ist, was du bist,
und wendet ein sehnendes Auge nach deiner Haustüre herüber. Wenn ich aber hier
sitze und alle Morgen auf den Nachtstuhl gehe und froh bin, dass ich hungrig, und
nachher, dass ich satt werde, und wenn ich alle Tage Hosen und Haarnadeln
ausziehe und anstecke: ach! was ists
