 werden in
unsrer Kindheit nicht in unsre Köpfe geschraubt, was für Sentiments nicht
hineingedämmert? - und wenn wir Arme dann hinausgestossen werden in die Welt, wo
jetzt alles dawider angeht, welch innerer Zwiespalt, welche Zerrüttung, welch
gegenseitiges Misstrauen zwischen Herz und Geist!
    Oh, schlage du nur fort, mein Herz - mutig und frei; dich wird die Göttin
der Liebe - es werden die Huldinnen alle dich beschirmen: denn du ließest alle -
alle Freuden der Natur in dir lebendig werden; - vertrautest unumschränkt der
allgütigen Mutter - schenktest ihrem zartesten Lächeln jedesmal von neuem dich
ganz - strömtest hin in verdachtlosem Entzücken: lerntest, empfingst darum von
ihr, zu geben und zu nehmen, wie sie selbst; wie die Millionen Lichtstrahlen,
die auf unzähligen Gegenständen reverberieren, ohne sich zu verwirren, dann im
Auge sich sammeln - wieder ohne sich zu verwirren: - Oh, unaussprechliches
Wohltun - unendliche Güte - Leben und Liebe -
    Luzie! liebe Luzie! dass ich Dir es mitteilen könnte! könnte leben Dich
lehren dies unendliche Leben. Nie würdest Du dann befestigen wollen die Sonne,
weder in Osten noch in Westen, sondern würdest wenden Dich nach Aufgang und
Untergang -Und schön ist ja auch der Mond unter Sternen am Nachthimmel - Und
schön der dunklere Nachthimmel mit heller funkelnden Sternen im Neulicht! - Oh,
dass ich diese Gottesader in Dir rühren, und zum immerwährenden Pulsschlag
bringen könnte! -
 
                            Luzie an Eduard Allwill
Ihr jüngster Brief, mein teurer Freund und Lehrer, war beinah so viel, als eine
persönliche Erscheinung. Was Sie für ein Zauberer sind! Als ich ihn gelesen
hatte, diesen Brief, war ich -nein, ich war nicht zwei Jahre jünger, nur die
Zeit hatte sich um so viel verjüngt, das Vergangene sich zu mir hinauf bemüht;
Sie waren noch bei uns, und ich hatte Sie ganz rund dastehen, wie kurz vor
unserer Trennung. Nun urteilen Sie, wie mir das so toll im Kopfe herumgehen
musste, dass ich an Sie geschrieben hatte, und geschrieben hatte alles das, wovon
Sie so lustig geworden waren und daneben so heldenwütig. Meine herzliche Epistel
an Sie ward mir nun gerades Weges zur Posse; ich musste lachen und erröten.
Großer Mann, verzeihen Sie meine Unbesonnenheit: ich vergaß, dass Sie ein Held
sind; dass ich - nur ein unbedeutendes, unschuldiges Mädchen bin, und dass
Unschuld dem Helden etwas so Unnützes, so Nichtswürdiges scheinen muss; dass der
Göttliche - Unschuld verspottet; der Göttliche - Unschuld mit Füßen tritt; über
sie hin, erhaben, seine Bahn nimmt. - Unschuld, Eduard! - lieber Eduard,
Unschuld, Unschuld, Unschuld! - Erwacht keine erste Erinnerung davon in Ihrer
Seele?
