 März.
Liebste Sylli! dass Sie so lange nicht schrieben! Wir alle zerbrechen uns die
Köpfe darüber, die gute Amalia, die Nichtchen und ich, jeder nach seiner Weise.
Aber nächsten Sonnabend kommt sicher ein Brief von Ihnen, denn ich weiß, Sie
lassen meinen letzten keinen Tag unbeantwortet. In Fällen, die das Herz angehen,
will ich alles Gute mit weit größerer Zuverlässigkeit von Ihnen, als von mir
selbst, voraussagen; denn Sylli kann da nicht straucheln. Sie seufzen doch wohl
nicht über meinen starken Glauben?
    Hier bei uns sollten Sie jetzt sein, liebste Sylli, dass wir Sie mit in unsere
Reihen schlängen, den neuen Frühling zu umtanzen. Die unwiderstehliche Wonne des
gestrigen Tages müssen auch Sie gefühlt haben. Mich hat sie ganz durchdrungen,
gelagert sich in all mein Gebein. Mir ist, wie einem Jünglinge, der soeben aus
eines frommen Mädchens Auge sich die Seele voll Liebe und Hoffnung getrunken
hat; so froh, und zugleich so heimlich ist mir's im Busen.
    Früh mit dem Morgen ging's an. Ich erwachte von der ersten sanftesten
Dämmerung, fand mich aufgerichtet, wie von dem Arm eines Freundes, der mich zum
unerwarteten Wiedersehen aus dem Schlummer küsste. Ich streckte meine Arme aus
nach dem Liebenswürdigen; irrte ihm nach, und fand ihn, fand ihn -schaffend am
Aufgange. - Wer an einer Musik für das Auge zweifelt, der hätte diese Morgenröte
sehen sollen. Ein solcher Engelsgesang schwebte mir nie auf Tönen in die Seele.
Doch was weiß ich, mit welchen Sinnen ich empfand? ich war außer mir. Gleich im
ersten Moment, beim Erreichen der Gegenwart, überwandelte mich's,
durchschauderte mich's; dann tiefer in der Brust ein Beben, immer tiefer und
inniger; im geheimsten Busen auflösendes Beben, das den ganzen Erdensohn tötete.
Tod, schöner, himmlischer Jüngling! Des verwesenden Teils entladen, flog ich in
seine Arme, sank in seinen Schoss, war bei ihm, war in ihm, in Ihm, der da ist,
war und sein wird; kostete Allmacht, Schöpfung, ewiges Bleiben in Liebe. - Ach,
Sylli, dass ich wieder zurückkehren, dass es Tag werden musste!
    Aber dennoch ein herrlicher Tag, wohl der schönste meines Lebens!
    Mit dem ersten Blicke der Sonne, der meine Augen auf die umher verbreitete
herrliche Gegend sich niedersenken machte, und den von Erde Gebornen wieder
weckte, schoss mir lichtschnell durch die Seele ein Strafgedanke: welch ein
sündlich Wesen es doch sei, diese herrliche Pracht Gottes so über Wall und
Graben nur zu beschielen, nur etwa am Abend ein wenig daran vorbei- oder
hinterherzuschleichen, da doch nichts wehre, sich hinein zu lagern
