
Dem nach, den sie verlor!
Und ihre Hände heben
Sich nur nach ihm empor!
    Nein, Eduard! Beweglicher als ihre Stimme kannst Du Dir keinen Ton in der
Natur vorstellen, und doch war mir die Pause noch rührender, in welcher die
schöne Sinnlose, einige peinliche Minuten, verloren dastand, ehe sie, die Augen
gen Himmel gewendet, ihre innern Empfindungen, zärtlich wie die Liebe selbst,
hervorgirrte:
Als Er sich mir, von allen
Ihn Wünschenden, ergab,
Mit welchem Wohlgefallen
Sah Gott auf uns herab!
Als in dem Abendschauer
Der feiernden Natur
Sein großes Herz die Dauer
Von meinem Glück beschwur;
Mein Auge nun von süßen
Gefühlen überging,
Und ich mit Erstlingsküssen
An seinen Wangen hin;
Als von der trauten Laube,
Die seine Liebe zog,
Er nun die erste Traube
Nach meinen Lippen bog;
Und ich in seinen Blicken
Mein Bild gezeichnet fand -
Natur! war dies Entzücken
Nur Blendwerk deiner Hand?
    Weh dir - ging nun ihr gedämpfter Flötenton in den feierlichsten Ernst über
-
Weh dir, o Tag der Weihe,
Der Blutschuld Mitgenoss,
Die grauenhaft die Reihe
Glückvoller Stunden schloss!
    Und wie ein in der Wildnis irrendes Kind, das um Hilfe jammert - fuhr sie
fort:
Du meines Kummers Zeuge,
Den meine Seele ruft,
Verlorner! ach entsteige
Dem Dunkel deiner Gruft!
    Und wie, wenn jenes hinhorcht und seine vergeblichen Bitten in Bergklüften
verschallen hört - schlug auch sie hoffnungslos ihre aufgehobenen Hände zusammen
- suchte Trost in der Qual der Erinnerung - sah nur und hörte ihren Freund und
ließ die edelen Handlungen seines Lebens, wie in einem Spiegel, den sie dem
ungerechten Schicksale vorhielt, vorüber gehen:
Wenn im Gedräng der Sorgen
Er keiner unterlag,
Und, Freundin, rief, nach Morgen
Glänzt uns ein Erntetag!
Wo Wert und Lohn des Fleißes
Dem in der Schale liegt.
Der jeden Tropfen Schweisses
Gleich einer Krone wiegt.
Wenn der bescheidne Tröster
Gefallnen Schutz verlieh,
Und sprach: Bin ich erlöster
Und würdiger als sie?
Und Er dem Tag entwunden,
Nach mancher frommen Tat,
Zum Lohn der Abendstunden
Sich meinen Kuss erbat -
Erforscher unsrer Herzen,
Furchtbarer! Wogest du
Schon da der Zukunft Schmerzen
Mir schwer Getäuschten zu?
    Der Atem stockte mir bei ihrem fragenden Starrblick, der aber bald sanfter
gebrochen sich nach der blassen Lichtscheibe richtete, die hinter einem Wölkchen
hervortrat. »Mond,« rief sie in melancholischer Schwärmerei -
»Mond, der du noch so traulich
In seiner letzten Nacht
Die Schönheit mir beschaulich
Des Schlummernden gemacht!
Als mein Gebet im Schweben
Auf deinem Hoffnungsstrahl
Dem Ewigen sein Leben
Und meine Ruh' empfahl.
Vertrauter stiller Schatten!
Wo weilt dein Todtenlicht,
Verbirg das Grab der Gatten
Der Sattgelebten nicht!
Dort
