
        
                           Moritz August von Tümmel
           Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahr
                                 1785 bis 1786.
                                   Erster Band.
                                 Erster Teil.
 Die dunkle Wahrheit, Freund, die Dein beredter Mund
Mich ahnden ließ, seh' ich nun ganz erläutert!
    Ich war nur krank im Traum; und fröhlich und gesund
Bin ich erwacht, und sehe rund
Um mich herum die Welt mit Opernglanz erheitert,
Die ehmals lichterarm, gleich einem Puppenspiel
Mir widerlich in's Auge fiel.
In meinem Büchersaal verriegelt,
Sah ich schwermütig und erschlafft
Die Welten über mir mit Kraft
Und Tätigkeit und Mut beflügelt -
Sah unter mir die Würmchen aufgewiegelt
Zu einer kleinen Wanderschaft:
Ich gaffte mit gefärbter Brille
Das Spiel der Schöpfung an; mein Wille
War ohne Herrn - Kaum regte sich
Nur noch ein dumpf Gefühl von meiner morschen Hülle,
Mit welchem schwer belastet, ich
Ins traurige Gebiet der ernsten Todesstille
Aus dem Parterr hinüber schlich. -
Doch da erschienst Du, Freund, mit tröstender Gebärde,
Und widersetztest Dich der stolzen Übermacht
Des Hypochonders - sprachst »Es werde!«
Und es ward hell in meiner Nacht -
Wie sorgsam hast Du nicht den fast erloschnen Dacht
Auf diesem großen Opferherde
Zu neuen Flammen angefacht!
Des Unmuts Nebel ist verflogen,
Der Essig meines Bluts versüsst,
Seit ich den Lerchen nachgezogen,
Und mich der freundlichste von allen Himmelsbogen
In Languedoc's Gefilde schließt.
Am Quell des Lichts erwärmt, dünk' ich mich hier dem Auge
Der Vorsicht mehr genaht zu sein,
Und fühle mich entzückt, und sauge
Den Äther der Verklärten ein.
Auf Blumen führen mich versuchte Zeitbetrüger
Von einer kleinen Lust zu einer größeren hin:
Mich kümmerts nicht, ob ich seit gestern klüger -
Genug für mich, wenn ich vergnügter bin!
Kein Skrupel steigt mir auf - Ich stehle
Mich heimlich aus dem Kreis der Börhav' und der Bayle
Und ihrem Kriminalverhör,
Und achte nun des Körpers und der Seele
Berühmte Charlatans nicht mehr.
Wer sagt es mir, was doch im Schalle
Des Postorns - in dem mut'gen Knalle
Der Peitsche für ein Zauber liegt?
Hoch steigt mir jetzt die Welt, gleich einem Federballe,
Der im Zenit der Kinderjahre fliegt,
Und alles lacht mich an, und froh denk' ich mir alle
Mitlebende gleich mir vergnügt.
So wird der Wein, der ewig zu Madere
Gemeiner Wein geblieben wäre,
Zu dreimal besserm umgestimmt,
Wenn er als Fracht, von einer Hemisphäre
Zur andern auf- und niederschwimmt.
    Ich kann mir nicht helfen - so demütigend auch das Geständnis für den Stolz
des innern Menschen sein mag - so schwer es auch über die Lippen eines
ausgemachten Philosophen gehen würde; dennoch sage ich es zur Ehre der Wahrheit
und unverholen, dass ich nur dem Rütteln und
