 Geschichtschreiber den Poeten so gerne nachzuahmen pflegen, ohne sich,
wie sie, auf die Eingebung der Musen berufen zu können.
    Unsre Urkunde meldet also, nachdem die erste Wut des Schmerzens, welche
allezeit stumm und Gedankenlos zu sein pflegt, sich geleget, habe Agaton sich
umgesehen; und da er von allen Seiten nichts als Luft und Wasser um sich her
erblickt, habe er, seiner Gewohnheit nach, also mit sich selbst zu
philosophieren angefangen:
    War es ein Traum, was mir begegnet ist, oder sah ich sie wirklich, hört' ich
wirklich den rührenden Accent ihrer süßen Stimme, und umfingen meine Arme keinen
Schatten? Wenn es mehr als ein Traum war, warum ist mir von einem Gegenstand,
der alle andern aus meiner Seele auslöschte nichts als die Erinnerung übrig? -
Wenn Ordnung und Zusammenhang die Kennzeichen der Wahrheit sind, o! wie ähnlich
dem ungefähren Spiel der träumenden Phantasie sind die Zufälle meines ganzen
Lebens! - Von Kindheit an unter den heiligen Lorbeern des Delphischen Gottes
erzogen, schmeichle ich mir unter seinem Schutz, in Beschauung der Wahrheit und
im geheimen Umgang mit den Unsterblichen, ein stilles und sorgenfreies Leben
zuzubringen. Tage voll Unschuld, einer dem andern gleich, fließen in ruhiger
Stille, wie Augenblicke vorbei, und ich werde unvermerkt ein Jüngling. Eine
Priesterin, deren Seele eine Wohnung der Götter sein soll, wie ihre Zunge das
Werkzeug ihrer Aussprüche, vergisst ihre Gelübde, und bemüht sich meine
unerfahrne Jugend zu Befriedigung ihrer Begierde zu missbrauchen. Ihre
Leidenschaft beraubt mich derjenigen, die ich liebe; ihre Nachstellungen treiben
mich endlich aus dem geheiligten Schutzort, wo ich, seit dem ich mich selbst
empfand, von Bildern der Götter und Helden umgeben, mich einzig beschäftigt
hatte, ihnen ähnlich zu werden. In eine unbekannte Welt ausgestoßen, finde ich
unvermutet einen Vater und ein Vaterland, die ich nicht kannte. Ein schneller
Wechsel von Umständen setzt mich ebenso unvermutet in den Besitz des größten
Ansehens in Athen. Das blinde Zutrauen eines Volkes, das in seiner Gunst so
wenig Maß hält als in seinem Unwillen, nötigt mir die Anführung seines
Kriegsheers auf; ein wunderbares Glück kommt allen meinen Unternehmungen
entgegen, und führt meine Anschläge aus; ich kehre siegreich zurück. Welch ein
Triumph! Welch ein Zujauchzen! Welche Vergötterung! Und wofür? Für Taten, an
denen ich den wenigsten Anteil hatte. Aber kaum schimmert meine Bildsäule
zwischen den Bildern des Cecrops und Teseus, so reißt mich eben dieser Pöbel,
der vor wenigen Tagen bereit war, mir Altäre aufzurichten, mit ungestümer Wut
zum Gerichtsplatz hin. Die Missgunst derer, die das Übermaß meines Glücks
beleidigte, hat schon alle Gemüter wider mich eingenommen, und alle Ohren gegen
meine Verteidigung verstopft; Handlungen, worüber
