 du dich dort ungebundener fühltest. Und dein Geld
hattest du doch in meiner Kassa aufgehoben, und die Trinkgelder brachtest du mir
jede Woche; woher, um Gottes willen, Junge, hast du das Geld für deine
Vergnügungen genommen und woher wolltest du jetzt das Geld für deinen Freund
holen? Das sind natürlich lauter Dinge, die ich wenigstens jetzt dem Oberkellner
gar nicht andeuten darf, denn dann wäre vielleicht eine Untersuchung
unausweichlich. Du musst also unbedingt aus dem Hotel, und zwar so schnell als
möglich. Geh direkt in die Pension Brenner - du warst doch schon mehrmals mit
Terese dort -, sie werden dich auf diese Empfehlung hin umsonst aufnehmen - «
und die Oberköchin schrieb mit einem goldenen Crayon, den sie aus der Bluse zog,
einige Zeilen auf eine Visitenkarte, wobei sie aber die Rede nicht unterbrach -
»deinen Koffer werde ich dir gleich nachschicken. Terese, lauf doch in die
Garderobe der Liftjungen und pack seinen Koffer!« (Aber Terese rührte sich noch
nicht, sondern wollte, wie sie alles Leid ausgehalten hatte, nun auch die
Wendung zum Besseren, welche die Sache Karls dank der Güte der Oberköchin nahm,
ganz miterleben.)
    Jemand öffnete, ohne sich zu zeigen, ein wenig die Tür und schloss sie gleich
wieder. Es musste offenbar Giacomo gegolten haben, denn dieser trat vor und
sagte: »Rossmann, ich habe dir etwas auszurichten.«
    »Gleich«, sagte die Oberköchin und steckte Karl, der mit gesenktem Kopf ihr
zugehört hatte, die Visitenkarte in die Tasche, »dein Geld behalte ich
vorläufig, du weißt, du kannst es mir anvertrauen. Heute bleib zu Hause und
überlege deine Angelegenheit, morgen - heute habe ich keine Zeit, auch habe ich
mich schon viel zu lange hier aufgehalten - komme ich zu Brenner, und wir werden
zusehen, was wir weiter für dich machen können. Verlassen werde ich dich nicht,
das sollst du jedenfalls schon heute wissen. Über deine Zukunft musst du dir
keine Sorgen machen, eher über die letztvergangene Zeit.« Darauf klopfte sie ihm
leicht auf die Schulter und ging zum Oberkellner hinüber. Karl hob den Kopf und
sah der großen, stattlichen Frau nach, die sich in ruhigem Schritt und freier
Haltung von ihm entfernte.
    »Bist du denn gar nicht froh«, sagte Terese, die bei ihm zurückgeblieben
war »dass alles so gut ausgefallen ist?«
    »O ja«, sagte Karl und lächelte ihr zu, wusste aber nicht, warum er darüber
froh sein sollte, dass man ihn als einen Dieb wegschickte. Aus Theresens Augen
strahlte die reinste Freude, als sei es ihr ganz gleichgültig, ob Karl etwas
verbrochen hatte oder nicht, ob er gerecht beurteilt worden
