, die Barnabas
übernommen hat, unterschätzen. An Ehrfurcht vor der Behörde fehlt es uns ja
nicht, das hast du selbst gesagt.« - »Aber es ist irregeleitete Ehrfurcht«,
sagte K. »Ehrfurcht am unrechten Ort, solche Ehrfurcht entwürdigt ihren
Gegenstand. Ist es noch Ehrfurcht zu nennen, wenn Barnabas das Geschenk des
Eintritts in jenen Raum dazu missbraucht, um untätig dort die Tage zu verbringen,
oder wenn er herabkommt und diejenigen, vor denen er eben gezittert hat,
verdächtigt und verkleinert oder wenn er aus Verzweiflung oder Müdigkeit Briefe
nicht gleich austrägt und ihm anvertraute Botschaften nicht gleich ausrichtet?
Das ist doch wohl keine Ehrfurcht mehr. Aber der Vorwurf geht noch weiter, geht
auch gegen dich, Olga; ich kann dir ihn nicht ersparen. Du hast Barnabas, obwohl
du Ehrfurcht vor der Behörde zu haben glaubst, in aller seiner Jugend und
Schwäche und Verlassenheit ins Schloss geschickt oder wenigstens nicht
zurückgehalten.«
    »Den Vorwurf, den du mir machst«, sagte Olga, »mache ich mir auch, seit
jeher schon. Allerdings nicht, dass ich Barnabas ins Schloss geschickt habe, ist
mir vorzuwerfen, ich habe ihn nicht geschickt, er ist selbst gegangen, aber ich
hätte ihn wohl mit allen Mitteln, mit Gewalt, mit List, mit Überredung,
zurückhalten sollen. Ich hätte ihn zurückhalten sollen, aber wenn heute jener
Tag, jener Entscheidungstag wäre und ich die Not des Barnabas, die Not unserer
Familie so fühlte wie damals und heute und wenn Barnabas wieder, aller
Verantwortung und Gefahr deutlich sich bewusst, lächelnd und sanft sich von mir
losmachte, um zu gehen, ich würde ihn auch heute nicht zurückhalten, trotz allen
Erfahrungen der Zwischenzeit und, ich glaube, auch du an meiner Stelle könntest
nicht anders. Du kennst nicht unsere Not, deshalb tust du uns, vor allem aber
Barnabas, unrecht. Wir hatten damals mehr Hoffnung als heute, aber groß war
unsere Hoffnung auch damals nicht, groß war nur unsere Not und ist es geblieben.
Hat dir denn Frieda nichts über uns erzählt?« - »Nur Andeutungen«, sagte K.,
»nichts Bestimmtes; aber schon euer Name erregt sie.« - »Und auch die Wirtin hat
nichts erzählt?« - »Nein, nichts.« - »Und auch sonst niemand?« - »Niemand.« -
»Natürlich, wie könnte jemand etwas erzählen. Jeder weiß etwas über uns,
entweder die Wahrheit, soweit sie den Leuten zugänglich ist, oder wenigstens
irgendein übernommenes oder meist selbst erfundenes Gerücht, und jeder denkt an
uns mehr, als nötig ist, aber geradezu erzählen wird es niemand, diese Dinge in
den Mund zu nehmen, scheuen sie
