 nötig, zur Polizei zu laufen! Von wegen Unbescholtenheit!
Von wegen Misshandlung!«
    Sie war wütend. All ihr Bemühen, alle ihre plausiblen Gründe verfingen
nicht. Ein neuer Beweis, dass Komplotte geschmiedet waren. Der Soubrette schien
es durchaus gleichgültig, ob Flametti seinen Prozess verlor oder gewann. Ja, sie
schien bei Jennys heftigen Argumenten nur noch entschiedener abzurücken.
Unerhört!
    Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee
austrank und sich zu gehen anschickte, da fühlte Jenny nicht nur, dass der
Anschlag missglückt war, sondern dass jetzt alles auf dem Spiele stand.
    Sie hatte dieser Person in fünf Minuten das ganze System ihrer Verteidigung
aufgedeckt. Da es ihr nicht gelungen war, sie zu gewinnen, so konnte die Sache
gefährlich werden. Der stärkste Trumpf musste heran. Nichts durfte unversucht
bleiben, die neue Truppe zu verhindern. Der offene Verrat an Flametti musste die
letzten Freunde noch gegen ihn bringen, alle Aussenstehenden überzeugen. Das war
gleichbedeutend mit dem Ruin.
    »Wissen Sie, Laura«, begann Jenny von neuem, »- bleiben Sie doch noch 'nen
Moment! - wissen Sie: schließlich ist's ja egal, ob wir den Prozess gewinnen oder
verlieren. Da bleiben noch allerhand Möglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum
Beispiel Pässe zu verschaffen nach Deutschland und die Indianer für großes
Varieté zu bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem
solchen Schlager! Deutschland wär' wie geschaffen dafür! Säcke voll Geld könnten
wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im schlimmsten Fall und wenn alle
Stricke reißen, wird er ein paar Tage eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal
kennen lernen!« Und sie tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, dass
die Tassen wackelten. »Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!«
    Laura stand unwillkürlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend, ein
wenig zurück gegen den Spiegelschrank.
    »Soll das eine Drohung sein?« fragte sie nervös, und ihre unterstrichenen
Wimpern flogen.
    »Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!« rief Jenny, mit einer
Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig beschrieb.
»Ich weiß Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst. Bin nicht auf den Kopf
gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da gacksen sie alle! Von wegen
Spionage: Sie werden sich wohl erinnern, wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer!
Dass Sie dabei nicht ganz sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert
nicht mit solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und von
wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das lässt sich
