 denn ich habe längst angefangen,
in jedem Menschen den eventuellen Gläubiger zu sehen. Das geht nun auch hier
schon wieder los. Der gute Professor ist wirklich sehr nett mit mir - aber eines
Tages wird er mir unweigerlich als Gläubiger gegenüberstehen - die anderen
Patienten - wer weiß, ob ich nicht in die Lage kommen werde, sie anpumpen zu
müssen - und das Personal, das sicher fürstliche Trinkgelder erwartet... nein,
glaubt mir nur, die Bestie im Menschen, vor der so oft gewarnt wird, braucht man
nicht halb so zu fürchten wie den Gläubiger im Menschen.
    Apropos, um die in M... habe ich mich nicht weiter bekümmert, mögen sie sich
untereinander um meinen Nachlass zerfleischen. Die Flüche der Ausgesogenen und
Betrogenen hallen nur manchmal noch auf Umwegen zu mir herüber. Einige haben
ihre Forderungen dem Verein Kreditreform übergeben, und dieser schlug mir vor,
mich gütlich mit ihnen zu einigen, sonst käme mein Name auf eine schwarze Liste,
die an achtzigtausend Kaufleute versandt würde. Es war das einzige Schreiben
dieser Art, das mich wirklich sympathisch berührte, und ich möchte jenen
menschenfreundlichen Verein dafür segnen. Es ist wohltuend, zu denken, wie
Schulden sich einfach dadurch erledigen, dass man auf eine Liste kommt und dass
man mit jenen achtzigtausend Kaufleuten gar nichts zu tun hat, sie zum mindesten
nicht auch noch Geld von mir beanspruchen. Kurz nach Empfang dieses Schreibens
hatte ich einen Traum: ich war in einer Wüste, und die achtzigtausend Kaufleute
kamen als Karawane auf mich zu, umringten mich, boten mir mit mildem Lächeln
alles mögliche an und wollten mir ein Kamel zum Reiten geben. Bis dahin war der
Traum sehr schön, aber dann bemerkte ich plötzlich, dass das Kamel ein
Menschengesicht hatte, und zwar sah es aus wie mein letzter Hausherr in M...
Darüber erschrak ich so, dass ich ganz verstört aufwachte.
    Du musst wissen, dass die Freudianer sich im Interesse der Patienten auch mit
Traumdeutung befassen. Dies war jedenfalls ein richtiger Komplextraum, und ich
habe ihn mir deshalb notiert, um für Baumann Material zu sammeln. Womit soll ich
ihn sonst beschäftigen?
    Vorläufig behandelt mich der Professor nach der hier üblichen Methode mit
Tageseinteilung, Ruhestunden, Bädern, Wickeln und dergleichen mittelalterlichen
Foltern. Es ist zum Gottserbarmen, und ich möchte wissen, ob die Leute ihre
Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden. Auf mich wirkt es
gerade umgekehrt, ich fange jetzt erst an, nervös zu werden.
 
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Aus lauter Verzweiflung habe ich angefangen, Bekanntschaften zu machen. Man
erzählt sich seine Leiden, räsoniert über die Behandlung, vergleicht die jedem
zugemessene Anzahl von Bädern und Packungen, kurz, man fachsimpelt auf Tod und
Leben. Ich komme mir
