
weil ich so viel überflüssige Zeit habe. Habe ich aber zur Abwechslung einmal
keine Lust, so lasst mich in Ruhe.
    Ja, also, kurz nach meinem letzten Schreiben kam ein Telegramm vom Miterben:
»Beisetzung erfolgt. Testamentseröffnung verschoben, da selbes noch nicht
aufgefunden. Anwalt meint vierhunderttausend pro Kopf.«
    Dieser unleidliche Privatdozent tut nun wirklich, als hätte ich das große
Los gezogen. Ich finde ja auch, es sind recht angenehme Aussichten, aber durch
die Schwierigkeiten der letzten Jahre sind meine Ansprüche ins Ungeheuerliche
gewachsen, und es gibt keine Summen mehr, die ich als überwältigend empfinden
würde. Das Revanchebedürfnis ist eben zu groß geworden.
    Lukas handelt mit mir wie Abraham mit dem lieben Gott um die Gerechten von
Sodom, wieviel ich festlegen soll und wieviel ich verjubeln darf. Ich höre
andächtig zu und träume dabei von einer Reise nach Siam - ich weiß nicht, warum
mich gerade das so besonders lockt - von Kleidern, Pferden, Landhäusern - kurz,
ich übersetze mir die Zahlen in erfreuliche Wirklichkeiten. Vor einem halben
Jahr hätte der Gedanke an ein gesichertes Dasein noch etwas Verlockendes für
mich und Lukas vielleicht mehr Glück mit seinen Mahnungen gehabt... sich
rangieren, auskommen, Ruhe haben... Aber das Geschick hat den Bogen zu sehr
überspannt. Existenz, wirtschaftliche Basis und dergleichen sind mir zu
fratzenhaften Begriffen geworden, unter denen ich mir nichts mehr vorstellen
kann. Sie haben mich so greulich verhöhnt, dass ich nur noch in derselben Tonart
antworten kann. Meinst Du, ich wäre je wieder imstande, ohne die qualvollsten
Zwangsvorstellungen eine Wohnung zu mieten, mit einem Hausherrn zu verhandeln,
Möbel zu kaufen, Dienstboten zu engagieren, Milchfrauen, Petroleum- und
Kohlenmänner ins Haus kommen zu sehen? Ich fürchte, ich werde überhaupt nie
wieder wohnen können, nur mehr logieren, ganz oberflächlich, vorsichtig und ohne
Zusammenhang. In der Beziehung ist etwas in mir gebrochen, was nie wieder ganz
werden kann...
    Recht ungeschickt kam gerade in diesen Tagen Doktor Baumann, der Freudianer,
hier an. Ich hoffte, er sei selbst etwas erholungsbedürftig und würde sich erst
ausruhen wollen. Aber nein, er brennt vor Tatendurst und wollte mich sofort
seiner Analyse unterziehen. Ich meinte darauf, wir sollten jetzt doch lieber die
Entwicklung der Dinge abwarten, dann wäre es vielleicht gar nicht mehr nötig,
aber er lässt sich nicht überzeugen. Im übrigen ist er sehr nett, und man freut
sich hier über jeden Zuwachs der Gesellschaft, so muss ich denn wohl oder übel in
den sauren Apfel beißen und mich von ihm behandeln lassen. Nachdem er mich hier
untergebracht und akkreditiert hat, ich mich außerdem andauernd schlecht benehme
und dem Professor ein Dorn im Auge bin, kann
