 Verderben gewesen. Ich habe die Sache mit dem Geld niemals ernst genug
genommen, ließ es so hingehen und dachte, es würde schon einmal anders werden.
Kurz, um mich im Freudianerjargon auszudrücken - ich habe es entschieden ins
Unterbewusstsein verdrängt, und das hat es sich nicht gefallen lassen. Bitte,
haltet mich nicht für ernstlich gestört, aber ich bin tatsächlich dahin
gekommen, es - das Geld - als ein persönliches Wesen aufzufassen, zu dem man
eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat. Mit Ehrfurcht
und Entgegenkommen könnte man es vielleicht gewinnen, mit Hass und Verachtung
unschädlich machen, aber durch liebevolle Indolenz verdirbt man's vollständig
mit ihm. Und das muss ich getan haben, ich ließ es kommen und gehen, wie es
gerade kam und ging - ach, der verfluchte Optimismus, den Ihr so nett gefunden
habt. Als ich dann merkte, dass es anfing, sich immer feindlicher gegen mich zu
stellen, habe ich es gelockt, bin ihm nachgelaufen; aber es war schon zu spät -
es wollte nicht mehr.
    Also - die wirtschaftliche Krisis erreichte einen nie geahnten Höhepunkt. Du
hast ja oft genug bei mir gewohnt, Maria, und kennst das aus eigener Anschauung
- die Wohnung ist gekündigt, jedes menschenwürdige Einrichtungsstück gepfändet
oder schon auf Nimmerwiedersehen abgeholt - es klingelt beständig, aber man
macht nicht mehr auf - jedes Poststück, das ins Haus kommt, beginnt Im Namen des
Königs... usw. Trotzdem tauchen immer neue Leute auf, die Geld wollen, Geld,
Geld und noch einmal Geld. Die ganze Atmosphäre bekommt etwas Überhjetztes,
Widernatürliches, schwirrt von abnormen Anforderungen. Es ist einfach nichts da,
und doch hört, sieht, liest und erfährt man nichts anderes mehr, als dass jeder
sein Geld haben will.
    Du hast dann manchmal behauptet, es ginge bei mir wie in den
Lesebuchgeschichten, wo fromme Leute eine Kirche oder dergleichen nützliche
Dinge bauen wollen, ohne jegliches Kapital, aber mit unerschütterlichem
Gottvertrauen. Schon wollen sie verzweifeln, richten aber gläubig den Blick gen
Himmel - sieh, da klingelt es, und ein anonymer Wohltäter schickt eine
unwahrscheinliche Summe.
    Das war einmal - das war manches Mal - aber eben bei jener letzten Krisis
war keine Rede davon. Die Wohltäter waren ausgestorben, verschwunden, verreist,
erzürnt oder nicht mehr zu haben. Ich hatte auch das blinde Gottvertrauen nicht
mehr und fühlte, dass die Kluft, die sich zwischen ihm - dem Geld - und mir
aufgetan hatte, nicht mehr zu überbrücken war. Es begann sich an mir zu rächen,
und das Infame an dieser Rache war, dass es mich nicht nur mied, sondern eben
durch seine völlige Abwesenheit alle meine Gedanken und Gefühle ausschließlich
erfüllte,
