
weiß, ob der Alte sich nicht auch darüber ärgern würde. Ich habe Angst davor,
ihn noch nachträglich zu verstimmen und üble Folgen über mein Haupt
heraufzubeschwören.
    Allmählich kamen wir dann auch auf die Erbschaft selbst zu sprechen. Er hat
das Testament vor einigen Jahren selbst eingesehen, und nach dem, was er sagt,
käme eine Summe in Betracht, die uns beiden das Herz höher schlagen lässt. Nun
machte aber der alte Herr vor anderthalb Jahren - nachdem er unglücklicherweise
von unserem Kontrakt erfahren (vermutlich durch seinen schnöden Advokaten, der
ihn gemacht hat und den wir nicht zahlen konnten), eine verdächtige Reise in
seine Heimat, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Der Miterbe, der eigentlich
Bescheid wissen müsste, behauptet zwar, nach dem dortigen Gesetz könne man ihn
als den einzigen direkten Nachkommen, falls er nur verheiratet sei, nicht
verkürzen. So hat man sich darüber wieder beruhigt. Natürlich muss er sich
gründlich um die Sache bekümmern, meint aber, in wenigen Monaten könne alles
erledigt sein.
    Monate - Maria - in Monaten kann alles mögliche passieren, man kann krank
werden, sterben, verunglücken oder den Verstand verlieren. In Monaten hat das
Geld alle Musse, die ausgefallensten Schikanen zu ersinnen. Monate sind eine
schreckliche Zeit, wenn man sie mit Warten zubringt. Ich male mir alle schlimmen
Möglichkeiten aus, das ist immer das beste, um ihnen vorzubeugen. Ängstigt man
sich zum Beispiel, es sei jemand ertrunken oder abgestürzt, so kommt er sicher
heil zurück, erwartet man ihn aber unbefangen zum Abendessen, so wird er
womöglich vom Blitz erschlagen.
    Du siehst, ich habe mein System vollständig geändert und wehre mich ebenso
verzweifelt gegen jeden Optimismus, wie ich ihm früher huldigte. Und doch, wenn
ich morgens aufwache und mich noch nicht genügend beherrsche, denke ich mit
scheuer Verliebteit an dies ferne Geld, das, so Gott will, über kurz oder lang
zu mir in Beziehung treten wird.
    Natürlich habe ich nur den männlichen Tischgenossen davon erzählt, vor der
Witwe hatte ich Angst, sie möchte mich an ihr Herz ziehen, Tränen vergießen und
wieder von ihrem Baulöwen anfangen.
    Henry nahm es mit derselben Seelenruhe auf wie die sechzehn Kaffern des
Herrn Alramseder, und der gottlose Pfarrerssohn meinte, sein Vater würde in
solchem Falle sicher sagen: was hilfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.
    »Oder, was kann der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse«,
vollendete Lukas.
    »Ach, wie gerne wollte ich Schaden an meiner Seele nehmen, wenn ich
Reichtümer damit gewinnen könnte.«
    »Und ich bin fest überzeugt«, sagte Henry, »dass man mit Geld seine Seele
