 morgen wiederfinden. Bis es nicht
tatsächlich vor mir auf dem Tisch liegt... und wer weiß, ob es mich jetzt für
hinlänglich geläutert hält, um sich wirklich auf meinen Tisch zu legen. Wie oft
habe ich erlebt, dass es schon auf dem Wege zu mir war und unter irgendeinem
fadenscheinigen Vorwand wieder umkehrte. Selbst dadurch, dass es einem gehört,
hat man es noch nicht... so halte ich es für geboten, es vorläufig möglichst zu
ignorieren und um keinen Preis kopfscheu zu machen.
    Bitte, verhaltet auch Ihr Euch in diesem Sinne, sprecht nicht davon, freut
Euch nicht, schlagt keinen Lärm und gratuliert mir nicht.
    ... Nein, diese Botschaft an sich kann mich noch nicht von meinem
Geldkomplex erlösen, es kommt nur allmählich wieder ein Gefühl von
Daseinsberechtigung über mich, das ich mittlerweile ganz verloren hatte. Lass Dir
sagen, liebe Maria, es sind nur zwei Dinge, die einem dies Gefühl geben... Geld
und Liebe. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist
wohl das Leben einmal ganz richtig? Und fehlt eines von den beiden, so kann man
sich immerhin mit dem anderen trösten. Fehlen aber beide, wie jetzt, wie hier...
nun, alles in allem ist es doch ein etwas trüber Aufenthalt. Mit Geld könnte ich
fortgehen, aber es ist keines da; mit Liebe könnte ich hierbleiben, aber es
fehlt jedes geeignete Objekt. Der Ateist ist mir zu jung, Lukas zu seriös, und
mit Henry bin ich allmählich zu gut befreundet. In den Arzt verliebt man sich
nur, wenn man hysterisch ist, und unser würdiger Professor eignet sich wenig
dazu.
    ... Ich fahre erst heute fort. Der Miterbe war hier, man hat sich ernst und
korrekt die Hand geschüttelt und doch ein wenig wie zwei Überlebende nach einem
Schiffbruch, die nun nähere Bekanntschaft miteinander machen. Man widmete dem
Verstorbenen einige geziemende Worte, und das war wirklich anständig, denn er
hat bei seinen Lebzeiten wenig Sympatie für uns an den Tag gelegt und unser
beider Treiben, soweit es ihm bekannt wurde, meistens gemissbilligt. Aber wir
waren jetzt einig, ihm das nicht mehr nachzutragen. Dann war vom Begräbnis die
Rede. Der alte Herr will in seiner Familiengruft beigesetzt werden, und das ist
ungemein schwierig, weil wir, die beiden einzigen Nachkommen, im Moment nicht
über die Mittel verfügen, ihn dorthin zu geleiten. Diese Frage bleibt also noch
ungelöst? Dagegen wird morgen am Sterbeort eine Einsegnung stattfinden. Ich
sollte durchaus mitfahren, habe mich aber geweigert. Nie in meinem Leben habe
ich solche Sachen mitgemacht, ich habe einen patologischen Horror davor. Gott
