 Sehnsucht tun wir nichts. Meine
Haltung als Schriftsteller ist durchaus praktisch: erste Hilfe bei
Unglücksfällen! Als Erzähler gebe ich dann diese Unglücksfälle. Sie sind
gleichsam das Exempel. In dieser Art soll mein Buch sein, Johnny. Es soll Tropen
heißen!«
    »Soso, Tropen«, sagte ich, »das klingt sehr gut. Nein, das ist einfach
fabelhaft, das ist ja ein gefundenes Stück. Das hat so was Vielsagendes. Man
könnte eigens um diesen Titel herum ein Buch schreiben.«
    »Ja, finden Sie?« entgegnete Slim mit sichtlicher Genugtuung. »Ich denke das
auch. Ich habe dabei eine verschlagene Absicht. Das Wort hat noch einen
Nebensinn. Und das Schönste ist dies, ich lasse die ganze Geschichte von einem
erzählen, der gar nie in den Tropen gewesen ist. Das ist nämlich die Pointe. Es
stellt sich heraus, dass er, der Nordländer, die Tropen in sich hat. Er braucht
gar nicht erst an den Äquator zu gehen, er hat ihn in sich. Sein Gehirn, mit
einer üppigen Vegetation von Tropen und Gleichnissen angefüllt, ist aus den
Rückständen seiner Abstammung zu erklären. Inmitten der kalten Zone ist er ein
klimatisches Residuum. Dieser Mensch, den ich dort zeige, ist bei aller Kultur,
die er besitzt, gleichsam ein neuer Wilder. Die Verhältnisse, denen er begegnet,
sind Transplantationen seiner nächsten Umgebung, die Tropen mit all ihren
Einzelheiten sind also gleichsam ein Schlüsselbegriff. Ich werde sogar so weit
gehen, eine diesbezügliche Gebrauchsanweisung einzuflechten - - -«
    »Aber nein, das ist doch wirklich - - na ja, aber ist es nicht doch ein
bisschen zu verwegen? Ich glaube, dieser Djungle ist für den Leser unzugänglich.
Bewegen Sie sich denn während der ganzen Erzählung auf solchen Schleichpfaden?«
    »Ja, sehen Sie«, sagte Slim gierig, plötzlich seine ganze Neigung für dieses
offenbar fesselnde Gespräch preisgebend, »das ist es eben. Mein Mann ist ja ein
Typus. Und es gilt, diesem Typus sich etablieren zu helfen. Auch ein solcher
vertrackter Kerl kann leben, und wie, das sollt ihr einmal sehen. Die Analyse
hat ihn nicht gelähmt. Ihr seid ja schließlich doch immer noch der Meinung, dass
sie krankhaft sei. Eure ganze Lyrik besteht aus den Seufzern, die euch euer
Kraftballast kostet. Aber er, der Neue, ist stahlhart dabei geworden. Die
Analyse als Affekt hat er überwunden. Er ist ganz unsentimental. Er hat keine
Sehnsucht. Nicht einmal die nach der Sehnsucht, die ihr alle doch bis vor kurzer
Zeit noch gehabt habt. Er weint ihr keine lyrische Träne nach. Er ist ganz klar,
ganz unromantisch, und die Analyse verdirbt
