 gefasst und an langem Holzstiele zierlich befestigt. Er hielt
diesen Spiegel in tragischer Pose hoch über sich, stob plötzlich empor,
zersprengte den Spiegel, die Trümmer klirrten, und er entschwand in die gelben
Meere des Abends.
    Die Glasscherben des zerbrochenen Wunderspiegels aber zerschnitten die
Häuser, zerschnitten die Menschen, das Vieh, die Seiltänzereien, die
Fördergruben und alle Ungläubigen, so dass sich die Zahl der Verschnittenen
mehrte von Tag zu Tag.
 
                           Das Karussellpferd Johann
Man schreibt den Sommer 1914. Eine phantastische Dichtergemeinde wittert Unrat
und fasst den Entschluss, ihr symbolisches Steckenpferd Johann rechtzeitig in
Sicherheit zu bringen. Wie Johann sich erst sträubt und dann einwilligt.
Irrfahrten und Hindernisse unter Führung eines gewissen Benjamin. In fernen
Ländern begegnet man dem Häuptling Feuerschein, der sich jedoch als
Polizeispitzel entpuppt. Daran geknüpft historiologische Bemerkung über die
Niederkunft einer Polizeihündin in Berlin.
»Eines ist gewiss«, sprach Benjamin, »Intelligenz ist Dilettantismus. Intelligenz
blufft uns nicht mehr. Sie schauen hinein, wir schauen heraus. Sie sind Jesuiten
der Nützlichkeit. Intelligent wie Savonarola, das gibt es nicht. Intelligent wie
Manasse, das gibt es. Ihre Bibel ist das bürgerliche Gesetzbuch.«
    »Du hast recht«, sagte Jopp, »Intelligenz ist verdächtig: Scharfsinn
verblühter Reklamechefs. Der Asketenverein Zum hässlichen Schenkel hat die
platonische Idee erfunden. Das Ding an sich ist heute ein Schuhputzmittel. Die
Welt ist kess und voll Epilepsie.«
    »Genug«, sprach Benjamin, »mir wird übel, wenn ich von Gesetz höre und von
Kontrast und von also und folglich. Warum soll der Zebu ein Kolibri sein? Ich
hasse die Addition und die Niedertracht. Man soll eine Möwe, die in der Sonne
ihre Schwingen putzt, auf sich beruhen lassen und nicht also zu ihr sagen, sie
leidet darunter.«
    »Also«, sprach Stiselhäher, »lasset uns das Karussellpferd Johann in
Sicherheit bringen und einen Kantus singen auf das Fabelhafte.«
    »Ich weiß nicht«, sprach Benjamin, »wir sollten doch lieber das
Karussellpferd Johann in Sicherheit bringen. Es sind Anzeichen vorhanden, dass
Schlimmes bevorsteht.«
    In der Tat waren Anzeichen vorhanden, dass Schlimmes bevorstand. Ein Kopf war
gefunden worden, der schrie »Blut! Blut!« unstillbar, und Petersilien wuchsen
ihm über die Backenknochen. Die Termometer standen voll Blut, und die
Muskelstrecker funktionierten nicht mehr. In den Bankhäusern diskontierte man
die Wacht am Rhein.
    »Wohl, wohl«, sagte Stiselhäher, »lasset uns das Karussellpferd Johann in
Sicherheit bringen. Man weiß nicht, was kommen mag.«
    Auf himmelblauer Tenne, mit großen Augen, ganz in Schweiß gebadet, stand das
Karussellpferd Johann. »Nein, nein«, sagte Johann
