 ganz unrecht. Vielleicht
ist etwas Wahres daran - es kommt mir ganz plausibel vor, dass mein Stiefvater
mich gärenshalber hergeschickt hat. Nur passt es wohl gerade auf mich nicht
recht. Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach -
überhaupt nicht viel eigne Initiative - ich werde einfach zu irgend etwas
verurteilt, und das geschieht dann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehr gut
und hat viel Verständnis für meine Veranlagung; so pflege ich im großen und
ganzen auch immer das zu tun, was er über mich verhängt.
    Verhängt - ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die äußeren
Umstände bringen es mit sich, dass immer alles eine Art Verhängnis für mich wird.
Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter. Meinen richtigen Vater
habe ich kaum gekannt - er soll sehr unsympatisch gewesen sein - und nur den
Namen von ihm bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen, unauffälligen Namen
und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie hätte ihn ebenso gut
gleich heiraten können, und alles wäre vermieden worden. Es wurde aber nicht
vermieden, denn es war über mich verhängt, diesen Namen zu bekommen und mein
Leben lang mit ihm herumzulaufen.
    
    Dame - Herr Dame - wie kann man Herr Dame heißen? so fragen die anderen, und
so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazu
verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen - zum
Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung - einem matten,
neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun
einmal nicht vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur.
Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen
gelernt.
    Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen, er schien es
auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der Verurteilte sei wohl ein Typus,
meinte er, mit derselben Berechtigung, wie der Verschwender, der Don Juan, der
Abenteurer und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden. Dann hat er
gesagt, jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben müsse.
Es käme nur darauf an, das richtig zu verstehen - man müsse selbst fühlen, was
in die Biographie hineingehört und sich ihr anpasst - alles andere solle man ja
beiseite lassen oder vermeiden.
                                                                     7. Dezember
Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht. Heute hätte ich gerne wieder Dr.
Gerhard getroffen und das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt. Aber es saß
diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch. Unangenehm, dass man beim
Vorstellen nie die Namen versteht - das heißt, meinen haben sie natürlich alle
verstanden - mein Verhängnis - er ist so
