 ich hab's ja versucht, aber das einzige, was
mir Eindruck machte, war die Stelle: »Guter Junge! es regnet.« Und das gab meine
Empfindungen so erschöpfend wieder, dass ich ganz glücklich war. Aber ich glaube,
das haben weder Sie noch er begriffen.
    Denken Sie darüber nach, lieber Freund, und leben Sie für heute recht wohl.
 
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Ich fürchte, ich werde mich nie daran gewöhnen, meine Briefe zu datieren. Tue
ich es einmal, weil ich denke, es müsste sein, so ist das Datum gewöhnlich
falsch. Man weiß es gerade nicht, hat keine Lust erst nachzusehen und schreibt
irgendein beliebiges hin, weil es doch ganz gleichgültig ist, ob mein Brief am
dritten oder am zehnten November geschrieben wurde. Ich datiere eigentlich nur,
wenn ich einen Brief verbummelt habe und meine Nachlässigkeit beschönigen will.
Und dann schreibt man natürlich absichtlich ein falsches Datum. Ich halte das,
wie so viele kleine Lügen, für eine liebenswürdige Rücksicht, durch die man
anderen ein ärgerliches Gefühl erspart.
    Bei den ersten Jugendlieben schrieb ich immer ein patetisches Datum: sieben
Uhr morgens - die Vögel zwitschern schon vor meinem Fenster; - ob sie wirklich
zwitscherten, weiß ich heute nicht mehr zu sagen, aber es machte sich so hübsch.
Oder: Mitternacht - meine Tante ist schon schlafen gegangen...
    Soll ich das bei Ihnen auch so machen? Etwa: zwei Uhr früh - eben geht er
die Treppe hinunter - die Stufen knarren, und es wäre mir sehr peinlich, wenn
man ihn hörte.
    Sie würden natürlich gleich alles mögliche wissen wollen: wer denn? - und
wieso? - und was gefällt Ihnen nun schon wieder an diesem Menschen?
    Ich hab's ja gleich gewusst, o Freund meiner Seele, als Ihr Brief kam. Gleich
gewusst, dass Sie Ihr Steckenpferd - man könnte es allmählich wohl eher als
Streitross bezeichnen - wieder gehörig tummeln würden. Kann man Sie denn immer
noch nicht davon kurieren? Sind wieder einmal alle Teegespräche und alle
Demonstrationen am lebenden Objekt umsonst gewesen? Ich fürchte: Ja - Sie werden
stets von neuem beklagen, dass gerade die Frauen, die man am meisten schätzt, so
furchtbar wahllos sind. - Und ich habe gar keine Lust, Ihnen immer wieder etwas
vorzuleben, damit Sie zur Einsicht kommen. Ich müsste mich denn zur Abwechselung
einmal nach Ihrem Geschmack richten, und das - nein, das ist zuviel verlangt.
    Übrigens behauptet fast jeder Mann, man sei wahllos. Der eine begreift
nicht, dass man sich in einen Friseurtypus oder Tenor verlieben kann, und würde
Naturburschen verzeihlicher finden. Der andere hat keine Auffassung dafür, dass
exotischer Typ und gebrochenes Deutsch zu den unwiderstehlichen
